Männig

Kindlekram

Damals, als von Digital Natives noch keiner sprach, sondern als man sich noch Sorgen um die technikfeindliche Jugend machte, damals also, irgendwann in der ersten Hälfte der Neunziger, wurde ich Kunde bei einem Unternehmen namens ABC Bücherdienst. Plötzlich war es möglich, zunächst über BTX, dann, wenn ich mich recht erinnere, auch via CompuServe und schließlich, mit der Öffnung des WorldWideWeb, auf der Domain telebuch.de Bücher zu bestellen. Endlich musste man sich nicht mehr mit dem verstaubten Buchhändler an der Ecke herumplagen, der in seinen ebenso verstaubten Bücherkatalogen meist nicht das fand, was man begehrte.

Die Sache funktionierte gut, bis man schließlich eines Tages, im Jahr 1998 erfuhr, dass die Gesellschafter des ABC Bücherdienstes ihr Unternehmen verkauft hatte. Der neue, amerikanische Eigentümer benannte die Firma wie auch die Webseite um, und so bestellte man eben fürderhin seine Bücher bei Amazon.de. Das erwies sich als genauso praktikabel, wenn die im Laufe der Jahre neu eingeführten Features der Webseite das Wohlbefinden des Kunden auch nur sehr eingeschränkt verbesserten. Die Algorithmen einer Empfehlungsfunktion sind beispielsweise ganz offensichtlich überfordert, wenn ein Kunde nicht nur für sich selbst, sondern regelmäßig auch für eine ganze Reihe von Offlinern eine sehr bunte, literarische Mischung ordert.

Seit gut vier Jahren bietet Amazon auch E-Books an, ein Angebot, das ich bislang weitgehend ignoriert hatte. Nicht, dass ich nicht auf elektronischen Geräten lesen möchte, ganz im Gegenteil. Das Lesen auf dem Notebook wie auch auf dem Smartphone empfinde ich als recht angenehm – sofern die Steuerelemente zweckmäßig angeordnet und intuitiv zu bedienen sind und man sich die Darstellung der Texte auf dem jeweiligen Bildschirm richtig einrichtet. Dies lässt sich am einfachsten auf der Grundlage offener Dateiformate wie reinem Text, HTML oder Markdown erreichen. Amazon jedoch bietet seine E-Books in einem proprietären Format an, das nur auf den Kindle-Geräten oder -Programmen des Onlinehändlers darstellbar sein soll.

Kein Problem für mich. Bisher zumindest, denn alle Texte, die ich zum Lesen auf dem Computer kaufen wollte, waren von weiteren Anbietern auch in anderen Formaten zu erhalten. Bis gestern. Denn da wurde mir ein Buch empfohlen, das bislang einzig und allein als E-Book bei Amazon erhältlich ist. Okay, dachte ich mir, es wird schon nicht so schwierig sein, das Ding in etwas großzügigerer Auslegung des Paragrafen 95a des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte in ein brauchbares Dateiformat umzuwandeln. Denn weder mag ich mir wegen weniger tausend Wörter ein teures Stück Hardware kaufen, noch eine spezielle Software auf meinen vorhandenen Geräten installieren. Für gedruckte Bücher, die ich bei Amazon bestelle, schaffe ich mir schließlich auch kein separates Bücherregal an.

Das Werk war im Online-Shop jedenfalls schnell gefunden, und obendrein prangte dort ein Button Jetzt Leseprobe schicken. Prima, dann könnte man die Sache ja zunächst einmal testen, ohne dass gleich ein gewaltiger Schaden von 4,92 Euro, so der Preis des E-Books, entstehen könnte. Also rasch den Button geklickt und – sich zunächst einmal über die aufpoppende Meldung gewundert. Ich hätte derzeit einen amerikanischen Kindle-Account, benötige jedoch zum Empfang einer Testdatei einen deutschen. Ob ich meinen amerikanischen folglich in einen deutschen Kindle-Account umzuwandeln wünsche, wollte die Amazon-Webseite von mir wissen. Nach kurzem Erstaunen erinnerte ich mich, beim Erscheinen der Kindle-App für iOS diese einmal zu Testzwecken auf mein iPhone geladen zu haben. Bei jener Gelegenheit hatte Amazon dann offensichtlich gleich ganz fürsorglich einen Kindle-Account angelegt. Warum ausgerechnet einen amerikanischen, das wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

Die Umwandlung des Accounts ging dann auch ohne größere bürokratische Hemmnisse vonstatten. Doch gleich danach tauchte schon die nächste Frage auf: Jens, wählen Sie ein Kindle-Gerät oder eine App für das Versenden von Leseprobe aus, forderte mich die Webseite auf und schlug mir bei dieser Gelegenheit gleich mein iPhones als Empfangsadresse vor. Der Einfachheit halber klickte ich auf Weiter, und die Seite wurde neu geladen. Hallo, Jens! Ihre kostenlose Leseprobe wird an ihr iPhone gesendet und steht zur Verfügung, sobald Sie die Anwendung Kindle für iPhone öffnen, war nun zu lesen. Tja. Genau dieses Programm befindet sich aber nun schon seit langem nicht mehr auf meinem Mobilgerät. Ich möchte sie dort auch nicht mehr haben, weil sich lange Texte in anderen Apps, wie beispielsweise dem geliebten Instapaper, auf einem kleinen Display weit angenehmer lesen lassen.

Eine einfache Art, sich die E-Book-Datei herunterzuladen oder per E-Mail zusenden zu lassen? Fehlanzeige. Amazon will, dass einmal gekaufte Dateien das Ökosystem des Unternehmens nicht verlassen. Damit behält sich sich Amazon die Möglichkeit vor, E-Books im Zweifelsfall auch wieder von den Endgeräten und aus den Apps seiner Kunden zu löschen. Dies ist in der Vergangenheit auch schon geschehen. Natürlich könnte man das Kindle-Programm auf seinem PC oder Mac installieren (Linux-User bleiben bei Amazon ganz außen vor, wenn auch das Betriebssystem der Kindle-Geräte selbst auf Linux basiert), die empfangenen E-Book-Dateien in ein brauchbares Format umwandeln und das Programm dann gleich wieder löschen.

Man könnte. Zumindest dann, wenn man etwas derart Banales wie das Auslesen eines Textes auf dem Bildschirm per OCR nicht als Umgehen einer wirksamen technischen Maßnahme zum Schutz eines Werkes (gemäß wiederum § 95a UrhG) betrachtet. Aber will man sich so viele Umstände wirklich antun? Ich jedenfalls nicht. Mag Amazon seine E-Books behalten. Zumindest so lange, bis man sich entschließt, die entsprechenden Dateien in einer kundenfreundlichen Art und Weise bereit zu stellen. Für die Autoren tut’s mir leid. Aber vielleicht funktioniert es ja auch in diesem Fall, sich gegen einen Geldschein im Briefumschlag oder eine Überweisung die Datei in einem lesbaren Format direkt vom Urheber schicken zu lassen.

Ergänzung

Auf Twitter wurde ich inzwischen auf Kindle Cloud Reader hingewiesen. Das wäre immerhin noch einen Versuch wert. Also habe ich mich für den Cloud Reader registriert und wurde daraufhin zum Zwecke des Erwerbs von E-Books in den amerikanischen Kindle-Shop weitergeleitet. Dort konnte ich das von mir begehrte Werk zwar sehen, nicht jedoch kaufen. Dazu müsse ich mich in den deutschen Kindle-Shop weiterklicken, so war aber zu lesen. Dies tat ich, stellte jedoch sofort fest, dass der deutsche Shop von meiner Anmeldung beim (amerikanischen?) Cloud Reader nichts weiß – und daher auch nicht bereit ist, erworbene E-Books dorthin zuzustellen. Auch wenn er bis zu diesem Zeitpunkt keinen einzigen Text anzeigen konnte, vermochte es Amazons Cloud Reader immerhin, gute 2,1 MB Daten dauerhaft im lokalen Speicher meines Browsers abzulegen. Was sich in diesen verbarg, habe ich allerdings nicht überprüft, sondern sie lieber gleich wieder gelöscht, statt diesen Ballast länger auf meinem System herumzutragen.

Mit Verlaub: Die Sache scheint mir noch nicht ganz ausgereift.