Männig

Der unsoziale Webbewohner

Es heißt übrigens gar nicht “Datenschutz” sondern “Datensouveränität”, alles andere wäre ja auch offensichtlicher Unsinn. – Benni Bärmann auf Twitter

Die neuen Datenschutzbestimmungen und Nutzungsbedingungen der amerikanischen Google Inc. haben die Wahrnehmung der Netzöffentlichkeit ein weiteres Mal verschoben. Konzentrierten sich die Datenschutzbedenken über längere Zeit auf die übermächtige Webplattform Facebook, so ist der Suchmaschinenriese mit der Veröffentlichung des Vorhabens, die Nutzerdaten von über 60 seiner Angebote im Netz zusammenzufassen und gemeinsam auszuwerten, erneut in den Fokus der Bedenkenträger geraten. Doch welcher der großen Anbieter auch immer gerade in der Kritik steht: Die Nutzerdaten sind nun einmal zum Lebenssaft der Platzhirsche wie auch der Startups im Internetgeschäft geworden. Als Nutzer von Online-Leistungen zahlt man heute in den meisten Fällen ganz einfach mit der Bereitstellung seiner Daten. If you are not paying for it, you’re not the customer, you’re the product being sold, lautet denn auch eine alte Internetweisheit.

Wer Angst davor hat, dass andere, ob Privatpersonen, kommerzielle Unternehmen oder Behörden und öffentliche Einrichtungen, mit seinen Daten hantieren, dem bleiben im Prinzip zwei Möglichkeiten: Die datentechnische Enthaltsamkeit, also das Verweigern des Internets, aber zwangsläufig auch der Mobiltelefonie, oder das segeln unter anonymer Flagge beziehungsweise Pseudonym. Wer sich jedoch intensiver mit der Materie der Datenströme in ihren technischen und juristischen Ausprägungen beschäftigt, der wird in den meisten Fällen eher dazu tendieren, nicht zu verweigern, sondern – ganz im Sinne einschlägiger Bestimmungen wie des deutschen Datenschutzgesetzes – sein Datenaufkommen und seine Datenströme so weit wie irgend möglich selbst zu steuern, also seine Datensouveränität zu wahren und zu erhalten. Dabei gilt es natürlich abzuwägen, welchen Wert man seinen eigenen Daten beimisst und für welche Gegenleistung man willens ist, welche seiner Daten bereitzustellen.

Wie jeder auf diesen Seiten leicht erkennen kann, bin ich vermutlich eher liberal im Umgang mit meinen persönlichen Daten, habe jedoch einige Cloud Services identifiziert, die ich bislang genutzt habe, für die ich jedoch meines Erachtens zu teuer mit meinen Daten bezahlt habe. Hierzu zählen der heute im allgemeinen für fast unverzichtbar gehaltene Google Reader, die allgegenwärtigen Linkverkürzer und Online-Datenspeicher generell. Zeit also für ein kleines Bastelprojekt in Sachen Datensouveränität, mit dem ich mir den vergangenen Sonntag versüßt habe.

Was den Online-Datenspeicher betrifft, war die Sache einfach: Der Webhoster meines Vertrauens bietet inzwischen im von mir genutzten Tarif 20 zusätzliche Gigabyte Serverplatz für ganze zwei Euro im Monat an. Dieser Onlinespeicher ist sowohl per FTP als auch nach dem WebDAV-Standard jederzeit erreichbar. Platz genug für Dateien aller Art, die man auch unterwegs zwischen eigenen Endgeräten oder auch mit anderen austauschen will, und nur noch wenig Grund, Services wie iCloud oder Cloud.app mit Daten zu füttern. Aufgrund der guten Einbindung in einige Apps und Programme möchte ich jedoch derzeit auf Dropbox noch nicht ganz verzichten.

Als interessante Alternative zu Google Reader habe ich fever°, ein selbstgehostetes Online-Feedreader-System entdeckt. Es benötigt freilich nicht nur Onlinespeicher, sondern auch Apache, PHP und eine MySQL-Datenbank, die gleichen Ansprüche also, die beispielsweise auch ein WordPress-Blog stellt. Zwar ist es möglich, eine vorhandene SQL-Datenbank zwischen verschiedenen Anwendungen zu teilen, jedoch zog ich es vor, jegliche Probleme vermeiden und wollte fever° deshalb auf eine separate Datenbank aufsetzen. Interessant: Durch den Wechsel in einen neuen Tarif meines Webhosters erhielt ich drei MySQL-Datenbanken statt einer und 150 Prozent mehr Onlinespeicher zu einem günstigeren Preis als bei meinem vorherigen Hostingpaket.

Der zeitliche und handwerkliche Aufwand, fever° zu installieren, entspricht etwa dem Engagement, ein Zeitungsabo abzuschließen, es zu bezahlen und sich einen Ikea-Zeitungsständer zusammenzuschrauben. Mit einer einmaligen Lizenzgebühr von 30 US-Dollar (entsprechend derzeit etwa 23 Euro) halten sich die Kosten auch durchaus in Grenzen. Insbesondere, wenn man bedenkt, welch durchdachtes und funktionelles System man für diesen Preis geboten bekommt. Empfehlenswert für alle, die sich für fever° interessieren, ist in der ausführliche Erfahrungsbericht bei Macdrifter.

Das Feedreader-System ist einigermaßen komplex, also sollte man sich ausreichend Zeit nehmen, seine individuellen Einstellungen nach der Installation vorzunehmen. Was man dafür erhält, ist eine Kürze der Bearbeitungs- beziehungsweise Lesezeit für die eigenen Feeds, die man zuvor vermutlich nie erreicht hat – ob per Google-Interface oder ob mit den verschiedenen Apps, die auf die Google-Reader-API zugreifen. Wenngleich fever° nur marginal dokumentiert ist, erschließen sich die Funktionen fast durchgängig ganz intuitiv. Teilweise helfen jedoch auch kleine Popup-Texte direkt an der Stelle des Geschehens. Die vorhandenen Feeds aus dem Google Reader können übrigens ganz einfach per OPML-Datei in fever° übernommen werden.

Die dritte MySQL-Datenbank, die ich mit meinem Hosting-Upgrade erhalten hatte, sollte auch einer Verwendung zugeführt werden, und so setzte ich mit ihr gleich noch meinen eigenen Linkverkürzer auf. Über den Sinn und Unsinn von URL Shortenern ist bereits trefflich diskutiert und vermutlich alles gesagt worden. Aus Nutzersicht sehe ich sie zwar auch als eine Verkomplizierung der Wege im Netz, möchte jedoch als Anbieter von Informationen auch nicht immer auf eine gewisse Erfolgskontrolle verzichten. Für meine Bedürfnisse habe ich mich, recht unoriginell, für das wohl verbreitetste Open-Source-System Yourls entschieden.

Yourls ist flink installiert und in Betrieb genommen, lediglich in der Datei config.php müssen die eigenen Einstellungen nach persönlichem Bedarf und für die Verbindung zur Datenbank vorgenommen werden. Abgerundet wird das Bild durch unterschiedliche Bookmarklets zur schnellen Erstellung von Kurzlinks und durch ein optionales WordPress-Plugin. Neben der automatischen Vergabe von Namen für die Links können vom Nutzer auch Vanity Links, also selbst gewählte Linknamen, vergeben werden. Je nach Einstellung kann das System für alle Nutzer freigegeben werden, die seine Webadresse kennen, oder nur einem bestimmten Nutzerkreis vorbehalten bleiben, der sich mit Usernamen und Passwort anmelden muss.

Im Backend liefert Yourls einen Klickzähler, eine Grafik mit der Auswertung der Klicks über einen wählbaren Zeitraum, sowie Angaben über die Herkunft der Klicks. Das Interface ist dabei in einem bezaubernden Hellblau gehalten, das jedem Bademeister die Tränen in die Augen treiben muss. Per Suchen und Ersetzen in der Datei style.css ist dies jedoch flink zu ändern, will man seinen Seelenfrieden wieder herstellen. Zu diesem trägt es natürlich auch bei, Services wie bit.ly fürderhin nicht mehr benutzen zu müssen. Was die Top-Level-Domains von Libyen und Montenegro so schick macht, wird mir wohl ohnehin auf ewig verschlossen bleiben.

Das Ergebnis des kleinen Wochenendprojekts: Mehr meiner Daten fließen da zusammen, wo sie meines Erachtens auch hin gehören: Auf meinen gemieteten, und gern bezahlten Speicherplatz, der sich sympathischerweise obendrein auf Servern nur einige Ortschaften weiter befindet und über den ich größtmögliche Verfügungsgewalt habe. Das Problem fragwürdiger Lizenzbedingungen, beispielsweise für hochgeladene, eigene Fotos, stellt sich hier nicht, und darüber, wem ich meine Daten und mein Nutzerverhalten zur Verfügung stelle, entscheide ich selbst. Und das ganze funktioniert nicht unkomfortabler als zuvor, was den Feedreader betrifft, ganz im Gegenteil.

Fazit: Zur Nachahmung empfohlen, denn auch als Bewohner des Internets und einiger sozialer Netzwerke sollte man durchaus über die Handhabung seiner eigenen Daten souverän bestimmen.