Der junge Staat Montenegro ist knapp so groß wie Schleswig-Holstein, hat aber nur ein Viertel der Einwohner des deutschen Bundeslandes. Das kleine Balkanland, in dem der Tourismus den wichtigsten Wirtschaftsfaktor darstellt, hat nicht einmal eine eigene Währung. Ab 1999 hatte man sich zunächst einfach der Deutschen Mark bedient, seit 2002 bezahlt man in Montenegro mit dem Euro, ohne dass das Land der Europäischen Währungsunion angehören würde. Der ehemals jugoslawische Staat ist also nicht gerade das, was man als eine Wirtschaftsmacht bezeichnen würde, und so ist man stets auf der Suche nach neuen Einkommensquellen für die junge Volkswirtschaft.

Einte treffliche Möglichkeit, Geld ins Land zu holen, sah man offenbar im Bereich des Internets. Mit erfahrener, israelisch-amerikanisch-irischer Unterstützung schaffte es die montenegrinische Regierung, bei der ICANN die Länderdomain .me durchzusetzen. Als Registrierungsstelle wurde die doMEn d.o.o., ein Joint Venture des Dubliner Registrars Afilias, des Internetdienstleisters GoDaddy.com aus Arizona und eines örtlichen Partners aus der Taufe gehoben. Nachdem man nichts dem Zufall überlassen wollte, hielt das Unternehmen eine große Anzahl interessanter Domains mit dem Länderkürzel .me zurück. Während freie Domains relativ preiswert zu haben sind und Third Level Domains nationalen Unternehmen und Institutionen vorbehalten bleiben, werden die so genannten Premium Names nach und nach über Partner versteigert. Die Liste der Namen, die früher oder später lukrativ versteigert werden sollen, birgt beispielsweise Preziosen wie fuck.me, blow.me, hate.me oder divorce.me.

Besonders angepriesen werden die .me-Domains zur Nutzung für persönliche Webseiten und selbstverständlich für den gerade boomenen Social-Media-Bereich. Und die Rechnung scheint aufzugehen: Bereits heute kommt mit über 230.000 registrierten Domainnamen auf jeden zweiten Kopf der montenegrinischen Bevölkerung eine registrierte Internetadresse des zweiten Levels. Freilich: Die kommerziell orientierte Registry ist schon einmal zu Zugeständnissen bereit, wenn lukrative Geschäfte zu erwarten sind. So wurden für WordPress (wp.me), Facebook (fb.me) und Yahoo (me.me) bereitwillig Domains mit zwei Buchstaben reserviert, obwohl die Regeln eigentlich ein Minimum von drei Zeichen für die Internetnamen festlegen.

Wo derart große Namen mitspielen, wollen natürlich auch die kleinen Web-2.0-Startups nicht zurückstehen, und so segeln gleich eine ganze Reihe junger Social-Media-Plattformen unter Montenegros .me-Flagge. Erster in einer ganzen Reihe kleinerer Social-media-Hypes war Formspring.me, ein Service, bei dem ein User nach erfolgter Anmeldung Fragen beantworten kann, die von anderen Nutzern gestellt wurden. Ein treffliches Plätzchen zur Selbstdarstellung bei geringstmöglichem Zeit- und intellektuellem Aufwand, das für einige Wochen die eher Anspruchslosen unter den Web-2.0-Begeisterten in Euphorie versetzte. Die äußerst limitierten Möglichkeiten der Plattform ließen jedoch aus der anfänglichen Woge bald ein nur noch sehr stilles Plätschern werden.

Wer geglaubt hatte, mit Formspring.me sei bereits der Tiefpunkt der Social-Media-Konzepte erreicht worden, hatte sich jedoch getäuscht. Vor einigen Wochen trat nämlich threewords.me auf den Plan. Hier kann der User, noch weniger als schlicht, genau das tun, was der Name der Webseite besagt: Er kann gerade mal ganze drei Wörter eingeben, drei Wörter, die den Inhaber eines Accounts bei threewords.me charakterisieren sollen. Da der Nutzer diese äußerst kompakte Typologisierung auch anonym vornehmen kann, müssen die bewerteten Accountinhaber entweder über eine sehr gefestigte Persönlichkeit verfügen – oder über ein gerüttelt Maß an Masochismus. Doch auch das überaus einfach gestrickte Modell dieser Plattform scheint echte Web-2.0-Addicts noch nicht wirklich abzuschrecken. Noch immer bitten Twitternutzer im Sekundentakt darum, dass man ihnen endlich mal mit drei Worten richtig die Meinung geigt.

Vor wenigen Tagen nun erblickte schließlich Facto.me das Licht der Welt. Und siehe da: Social Media geht immer noch ein wenig anspruchsloser als all das, was man nach Formspring und threewords schon befürchtet hatte. Facto ist, so beschreibt sich die Seite selbst, a fun way to share little-known facts about yourself with others. Der Nutzer gibt also eine Information über sich preis, und die Leser können sie bewerten. Doch halt: Bewerten? Letztlich können sie nichts anderes tun, als einen Button zu klicken. Zur Auswahl stehen Knew that, Didn’t know that, Mee too!, Awesome, Whoa, Weird!, Boring und No way. Damit positioniert sich Facto.me als die Alternative zu Twitter für eine Gruppe von Menschen, die keinen Widerspruch duldet oder keine soziale Interaktion wünscht.

Die Evolution des .me-Web-2.0 scheint nun also endlich ihr Ziel erreicht zu haben: Social-Media-Plattformen, die auf den lästigen Social-Bestandteil fast vollständig verzichten können. Hier werden keine Menschen mehr in Kontakt gebracht, vielmehr ist der Einzelne ausschließlich auf sich selbst fixiert, oder er drückt alberne Tasten. Zugegeben: Für die meisten, die sich auf derartigen Webseiten aufhalten, ist das wohl immer noch besser, als die Arbeit zu verrichten, für die sie gerade bezahlt werden.

Aber mal ehrlich: Hat das hübsche Land mit seinen freundlichen Bewohnern das wirklich verdient?