Männig

Push

Schnell haben die Teilnehmer gemerkt, dass es sich bei dem kostenlosen Marketingseminar, zu dem sie exklusiv eingeladen wurden, eigentlich um eine Verkaufsveranstaltung handelt. Um so mehr legt sich der etwa sechzigjährige Agenturinhaber im feinen Zwirn bei seiner Präsentation ins Zeug. Eine Powerpoint-Folie nach der anderen serviert er den mehr oder weniger gebannten Zuhörern, während sein wohltrainierter Redefluss niemals abbricht. Doch auf einmal, bei Folie 32, tritt ein Schmunzeln auf das Gesicht der Seminarteilnehmer, ein Raunen geht durch die Stuhlreihen, ja sogar vereinzeltes Kichern ist zu hören. Denn auf der Leinwand, hinter dem Rücken des Präsentators, wird nun die komplexe Infografik plötzlich von einem Popup-Fenster überlagert:

SwingerForum24.com: Message von HotGaby68
Hallo Schatzi, schade dass du schon wieder aus dem Chat raus bist. Meld dich doch nochmal. Bussi, Gaby

Push-Nachrichten haben in unserem Computeralltag Einzug gehalten. Mit Push-Meldungen ist man immer sofort informiert über Dringliches und Wichtiges, ja, man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie man ohne die fast allgegenwärtigen Popup-Fenster jemals leben konnte. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich erst mühsam ein Tool wie Growl installieren musste, um stets in Echtzeit mit der Welt verbunden zu bleiben. Heute haben Betriebssysteme, allen voran jene des Hauses Apple, die erforderlichen Benachrichtigungsfunktionen gleich eingebaut. Und so unterlässt es dann auch kaum eine neu installierte App, gleich nach der Installation nachzufragen, ob sie ihren künftigen Nutzer denn nicht mit mehr oder weniger regelmäßigen Nachrichten auf dem Laufenden halten soll – natürlich auch dann, wenn er das entsprechende Programm gerade gar nicht nutzt.

Freilich, die Benachrichtigungen halten einen immer up to date: Darüber, dass ein Freund etwas Neues auf Facebook gepostet hat, dass eine Frage auf Twitter beantwortet werden will, dass neue E-Mails eingetroffen sind, dass für Frequent Traveller neue Sonderangebote bereitstehen und dass in der Lieblings-Newsapp brandneue Meldungen vorliegen. Bei all dem lautet die Frage aber immer: Cui bono? Push-Nachrichten werden fast immer von anderen gesteuert, ein anderer bestimmt über die Notwendigkeit, dass wir genau jetzt eine Information aufzunehmen haben. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Ein Großteil der Push-Meldungen wird jedoch durch Unternehmen ausgelöst, die zu den Innovatoren und Gestaltern der schönen, neuen Social-Media-Welt gehören. Unter dem Trendbegriff Nutzerbindung gilt es für diese, sich immer und immer wieder ins Bewusstsein ihrer User zu bringen. Nur so kann gewährleistet werden, dass der Nutzer für das Unternehmen wertvoll bleibt, weil er die App oder Webplattform regelmäßig wieder aufsucht und bereit ist, dort die Werbebotschaften der Kunden der Plattform aufzunehmen.

Aus der viel zitierten Aufmerksamkeits-Ökonomie ist also eine Push-Ökonomie geworden, die den Nutzer in immer kürzer werdenden Abständen zur Aufmerksamkeit nötigt. Aber auch dann wenn die Mitteilungs-Pusher Privatpersonen, Freunde und Bekannte sind, ob ein Fenster auf dem Desktop-Monitor hochschnellt oder das Smartphone in der Tasche rattert: Stets sind wir in dem unterbrochen, was wir uns gerade selbst zu tun entschieden hatten. Und bei genauer Betrachtung sind die allermeisten der Push-Nachrichten, die wir erhalten, weder wirklich bedeutend, noch erfordern sie eine augenblickliche Reaktion oder Antwort. In ihrer Penetranz erinnern die Push-Meldungen an einen Mitarbeiter, der vielfach am Tag, wegen jeder Kleinigkeit in unser Büro gestürmt kommt, um eine Aktion oder Lösung von uns zu fordern.

Jeder, der auf effizientes Arbeiten wert legt, würde diesem Mitarbeiter früher oder später vorschlagen, seine Fragen und Gedanken in Listenform zu notieren und sie zu festgelegten Terminen konzentriert gemeinsam zu besprechen. Genau so, wie es die klassische Pull-Technologie der internetbasierten Medien auch von Anfang an vorgesehen hatte – bis gewitzte Marketingunternehmen immer mehr darauf drängten, ihre Nutzerklientel auch im Netz in die passive Rolle des Rezipienten zu drängen. Wer selbstbestimmt leben und arbeiten möchte, wird sich immer darüber klar sein: Wertvolle Informationen sind stets Holschulden. Wer sich für eine Information interessiert, wird auch immer die Zeit finden, sie aktiv abzurufen.

Wer es aber anderen, seien es Unternehmen oder einzelne Personen, überlässt, ihm jederzeit Informationen zuzuschieben, die sie für relevant halten, der hat die Hoheit über die eigene Zeit verloren. Machen wir uns nichts vor: Selbst die wichtigste E-Mail-Nachricht kann normalerweise 30 Minuten warten, bis sie das eigene Mailsystem zeitgesteuert abruft. Und sollte man doch einmal eine ganz besonders dringende Nachricht erwarten, dann klickt man ganz einfach aktiv den Abrufbutton. Das kostet summa summarum weit weniger Zeit, als einem gepushte, eigentlich aber gar nicht so bedeutsame E-Mails mit aufpoppenden Mitteilungsfenstern oder Vibrationsalarm in der Hosentasche regelmäßig stehlen.

Die gute, alte Pull-Technologie empfiehlt sich für alle Menschen, die selbst entscheiden möchten, wann welche Informationen für sie wichtig sind, für Menschen, die in der Lage sind, selbst zu entscheiden, wann sie sich auf welche Tätigkeit, Aktion oder Reaktion konzentrieren wollen. Ein Computer oder Smartphone mit aktivierten Push-Nachrichten verhält sich wie ein Fernseher, der sich unversehens selbst einschaltet und ins Wohnzimmer brüllt, sobald die Verantwortlichen eines Fernsehsenders glauben, es gäbe etwas zu vermelden, was der Rundfunkteilnehmer wissen müsse. Selbst der begeistertste Fernsehzuschauer würde dies auf Dauer wohl kaum akzeptieren. Wie viel angenehmer und effizienter ist es doch dagegen, selbst über seine Zeit zu entscheiden und sich Timeslots einzurichten, in denen man aktiv seine E-Mails liest und bearbeitet, gezielt Facebook, Twitter oder Xing besucht – oder auch ganz einfach ungestört bleibt.

Freilich, es gibt auch Ausnahmen von der Regel, sich nicht von Push-Meldungen stören zu lassen: Da ist zum einen das gute, alte Telefon, das klassische Push-Medium par excellence. Manche Dinge sind am Telefon einfach schneller und zielführender zu klären als mit langen schriftlichen Dialogen, über welches Medium auch immer. Sinnvoll können jedoch auch Push-Alarme sein, die man selbst für sich ausgelöst hat: Beispielsweise die Nachricht, dass die umfangreiche Batchverarbeitung einer Software abgeschossen ist und man sich jetzt dem nächsten Arbeitsschritt widmen kann, oder die Erinnerung daran, rechtzeitig für einen externen Termin das Haus zu verlassen. Ansonsten gilt: Push is evil. Denn push, das ist nichts anderes als das englische Wort für stoßen oder schubsen. Wer sich nicht von anderen herumschubsen lassen will, der schaltet die Push-Funktion für Programme oder Apps, über deren Input andere bestimmen, einfach nicht frei.

Gleiches gilt natürlich genauso für Icons, beispielsweise in der Menüleiste, die bei jeder Gelegenheit durch Farbwechsel oder Aufblinken nach Aufmerksamkeit heischen. Die Mitteilungszentrale von Apples OS X lässt sich übrigens von ganz hartgesottenen Nutzern auch gleich ganz ausblenden und abschalten. Und für die Besitzer eines iPhones mit Jailbreak gibt es mit ISleepWell eine besonders elegante Lösung, um phasenweise ungestört zu bleiben: Legt man das Smartphone mit dem Display nach unten auf eine ebene Oberfläche, dann geht es augenblicklich in den Flugmodus – nimmt man es auf oder dreht man es um, so ist es sofort wieder sende- und empfangsbereit.

Wer über seine Zeit endlich aktiv selbst bestimmen möchte, der schaltet unwillkürlich von Dritten gesteuerte Popup-Nachrichten einfach ab. Auch, wenn er dann das Risiko eingeht, die eine oder andere, unglaublich wichtige Push-Mitteilung zu verpassen.