Männig

Feldkirchen und Ikea: Ein Idyll und seine Bedrohung

Offen gesagt: Es gibt beschaulichere Flecken als die Gemeinde Feldkirchen am östlichen Stadtrand Münchens. Die Landschaft der eiszeitlichen Schotterebene zeigt sich flach wie ein Brett, fließende Gewässer wie Bäche oder Flüsse sucht man vergebens, natürliche Seen oder Teiche ebenso. Die Gegend, die so gar nicht dem Klischee des lauschigen Oberbayerns entsprechen will, ist daher offenbar zunächst einmal auch nicht sonderlich beliebt. Wann die Gemarkung erstmals besiedelt wird, verliert sich im Grau der Geschichte. Fest steht jedoch, dass Feldkirchen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zum Zeitpunkt der kartografischen Uraufnahme Bayerns, gerade einmal 20 Häuser umfasst. Um der kargen Region dennoch etwas Auftrieb zu verleihen, entschließt man sich zu einem Schritt, der in bayerischen Landen kurz zuvor noch undenkbar war: Man siedelt Protestanten aus der Pfalz und aus der Schweiz an, die das karge Land bewirtschaften sollen. Mit dem Bau der Bahnstrecke München-Mühldorf erhält das Dorf im Jahr 1871 schließlich einen eigenen Bahnhof und damit den Anschluss an die große, weite Welt. Im Speckgürtel der sich immer mehr ausbreitenden Stadt München entwickelt sich die Bevölkerungszahl Feldkirchens ab diesem Zeitpunkt recht stetig. Unterbrochen wird der Aufwärtstrend lediglich in den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Kein Wunder, liegt doch die Vorortgemeinde zu dieser Zeit direkt in der Einflugschneise des Münchner Flughafens Riem, was zu einer erheblichen Belastung ihrer Bewohner führt.

Heute ist die aufstrebende Gemeinde pittoresk eingerahmt von den viel befahrenen Autobahnen A 94 und A 99, der zweigleisigen Bahnstrecke nebst nahe liegendem Containerbahnhof und einem geräumigen Kiesabbaugebiet. Das Autobahnkreuz München-Ost schmiegt sich malerisch um den Südostteil der Feldkirchner Feldflur. Die Wohngebiete der inzwischen 6.750 Einwohner fügen sich harmonisch zwischen die ortseigenen Industrie- und Gewerbegebiete Nordost, Nordwest, Ost I, Ost II und Süd. Die Ortsmitte besteht aus einer schlichten Straßenkreuzung mit Ampel. 13 gewaltige Tanks eines hier ansässigen Kerosin-, Diesel- und Heizöllagers prägen die sonst eher unscheinbare Skyline. Der Baumbestand, aufgrund der kargen Bodenverhältnisse bislang schon spärlich, fällt in diesen Wochen zu einem erheblichen Teil der Motorsäge zum Opfer, nachdem der asiatische Laubholzbockkäfer eingeschleppt wurde. Wer in der Ortsmitte einkaufen möchte, sucht in den meisten Fällen vergeblich: Die Lebensmittelgeschäfte finden sich inzwischen ausschließlich in den Gewerbegebieten der Peripherie. Neben Apotheke, Optiker, einem Bäcker und dem unverzichtbaren Nagelstudio ist in der kaum mehr fühlbaren, früheren Dorfmitte nicht viel verblieben.

Doch halt, Ungemach droht über dieses kleine Idyll hereinzubrechen: Der international gefürchtete Ikea-Konzern plant, hier ein Möbelhaus zu errichten. Jenseits der Autobahn zwar, entfernt von der Gemeinde und über die beiden Autobahnausfahrten Feldkirchen Ost und -West wohl erschlossen, aber immerhin: Ein Möbelhaus! Klar, dass da eine wundersam-bunte Front aus CSU, Bund Naturschutz und aus den Grünen, die in Feldkirchen nicht einmal über einen Ortsverband verfügen, auf die Barrikaden gehen muss. Man fürchtet, so lassen die Gegner der Neuansiedelung wissen, ein erhöhtes Verkehrsaufkommen und die Schwächung des nach Ansicht dieser Allianz heute blühenden Einzelhandels in der Ortsmitte. Der Bürgermeister und seine SPD, bis zum heutigen Tag von ihrer Wahl im Jahr 2008 völlig überrascht, setzen die Hoffnung auf sprudelnde Gewerbesteuereinnahmen dagegen – und den Traum von der Realisierbarkeit der lange erträumten, prestigereichen Südumgehung in Form einer Autobahnparallele. Umgehung von was eigentlich? Umgehung der Autobahn, und, wenn alles klappt, natürlich auch von Ikea.

Erste Planungen des Mammutprojekts waren sogar noch euphorischer: Neben Möbelhaus und einem Baumarkt wollte man gleich noch einen Zeppelin-Freizeitpark mit Luftschiffrundfahrten auf einer Freifläche im Südosten der Gemeinde ansiedeln. Doch bald zeigte sich: Der Luftschiff-Investor war doch nicht so investitionsfreudig, wie sich die politische Spitze der Kommune das erhofft hatte, und aufgrund des angedachten Geländes zog Zwist mit der Nachbargemeinde am Horizont herauf, da es direkt an deren Areal angrenzte. Alternativen mussten also her, und schnell war ein neuer Standort gefunden: Nun soll es also weiter im Westen sein, auf jenem Gelände südlich der Autobahn, wo das geneigte Auge des Betrachters heute riesige, baumlose Monokulturflächen vorfindet. Kein Wunder, dass sich Bund Naturschutz und Grüne dafür einsetzen, dass hier auch in kommenden Jahrzehnten weiterhin tonnenweise Nitrophoska ausgebracht werden kann. Was der Kenner am neuen Planentwurf freilich auch erkennt: Der so genannte Regionalpark, der als Ausgleich der neuen Gewerbeansiedlung geschaffen werden soll, wurde entgegen früheren Entwürfen inzwischen auch auf einen kleine Bruchteil seiner Größe zurechtgestutzt. Die Besitzer des landwirtschaftlich genutzten Grunds hat bisher natürlich keiner gefragt, was sie von einer entsprechenden Umnutzung ihres angestammten Landes halten würden.

Am 30. Juni ist es also soweit: Dann darf die wahlberechtigte Bevölkerung der Speckgürtel-Gemeinde im Rahmen eines Bürgerentscheids selbst bestimmen, ob sie zukünftig mit oder ohne Ikea und Baumarkt im Verkehr und Lärm ersticken will und ob sie einer lauten, kahlen, topfebenen Monokultur-Großfläche oder einem hässlichen, blau-gelben Möbelhaus den Vorzug gibt. Die Gräben zwischen Gegnern und Befürwortern der einen oder der anderen Lösung, die freilich primär parteipolitischer Natur sind, ziehen sich bereits jetzt tief durch Feldkirchens Bewohnerschaft. Für den neutralen Betrachter ist jedoch völlig klar: Nirgends in Oberbayern wird man ein Fleckchen finden können, an dem ein Möbelhaus, wenn auch ein zugegebenermaßen groß dimensioniertes, so wenig Schaden anrichten kann, wie in Feldkirchen am östlichen Stadtrand Münchens. Denn mit der Rettung der Gemeinde vor dem ständig zunehmenden Verkehr und den mit ihm einhergehenden Belastungen, damit hätten die Verantwortlichen schon vor einigen Jahrzehnten beginnen müssen. Und so möchte man den Befürwortern wie den Gegnern der Ikea-Ansiedelung fröhlich zurufen: Gråd wurschd is’!

Im 8. Jahrhundert beschrieb Arbeo von Freising in seiner Vita des Heiligen Emmeram das Gebiet der heutigen, damals freilich noch nicht existierenden Gemeinde Feldkirchen als ein Paradies ganzjährig blühender Frühlingspracht, in dem stets ein angenehm laues Lüftchen weht, während das Land umher in Schneemassen ertrinkt und von Gewitter- und Wirbelstürmen heimgesucht wird1. Es steht zu befürchten, dass auch die heilige Allianz aus CSU, Bund Naturschutz und Grünen nicht in der Lage sein wird, diesen Idealzustand endlich auch außerhalb der christlichen Legende herzustellen.


  1. Sed cunctis incolis per girum praeclaruit in signum, quia, ut mos est Germaniae, ut faciem suam in mense nivium effusione veletur per totum gemalem tempus, ita ut in cubitis altitudine decrescat, sed eo loco minime permansit, ut quis praetereuntium quamvis parum permansisset, et in vernalis decore et amoenitate totum permansit annum. Sicque factum est, quasi ut locus excusationem inferret, ut imbrium atque procellarum turbine et elimentorum dicione subicere non debuisset, qui angelorum spirituum suae praesentiae in tanti Dei martyris anime egressionis fuisset consecratus.
    von Freising, Arbeo: Vita vel passio Haimhrammi episcopi et martyris Ratisbonensis, Kapitel 25 (zitiert nach Krusch, Bruno: Arbeonsis episcopi Frisingensis vitae Haimhrammi et Corbiniani, Hannover 1920)