Männig

Zen und die Kunst, ein iPhone anzufassen

Sie ging ja nun in den letzten Tagen durch alle Hightech-Medien, die iPhone antenna issue. Allen Unbedarften, bei denen die Produkte des Hauses Apple nicht im Zentrum all ihres Begehrens stehen, sei erklärt: Das neue iPhone 4 hat ein Gehäuse aus zwei Glasplatten, die mit einem Edelstahlstreifen verbunden sind. Dieses Edelstahlband besteht aus drei Einzelteilen, von denen zwei als Antenne für das Telefonieren per GSM oder UMTS dienen und ein weiteres Teil die Versorgung mit Bluetooth, Wireless LAN und GPS gewährleistet. Die einzelnen Antennenbereiche sind durch einen kleinen Spalt voneinander getrennt und damit elektrisch isoliert.

Überbrückt man nun diese Isolation, indem man beim Greifen des Telefons den Finger genau auf diesen Spalt hält, dann sinkt die Empfangsleistung des iPhone im GSM- oder UMTS-Netz rapide ab. Im Extremfall kann sogar ein Telefongespräch, das gerade geführt wird, abbrechen. Aufgrund der Lage des Spalts zwischen den Edelstahlstreifen ist es fast unvermeidlich, die Brücke zwischen den Antennenbereichen herzustellen, wenn man das Telefon in der linken Hand hält. Seitens Apple versucht man die Problematik herunterzuspielen. »Just avoid holding it that way.«, ließ Apple-CEO Jobs einen besorgten Kunden wissen.

Sicherlich ist diese Lösung für den bis zu diesem Zeitpunkt begeisterten Kunden nur wenig befriedigend, erwartet er doch für den hohen bezahlten Preis genau das Stück technologische Präzision, das die immer wieder beeindruckenden Marketingaktionen des Hauses mit dem Apfel auch versprochen hatten. Dabei wäre die Selbsthilfe ganz einfach: Ein Streifen transparentes Klebeband, auf die entsprechenden Bereiche der Antenne appliziert, würde diese gegen die Haut des iPhone-Besitzers elektrisch isolieren und den Dämpfungseffekt beim Telefonieren teilweise oder sogar ganz eliminieren.

Mehrere iPhone-Besitzer, die ich in den vergangenen Tagen auf diese einfache Lösungsmöglichkeit hingewiesen habe, zeigten sich entsetzt. Das sei ja nun keine professionelle Lösung, ließ man mich wissen, nein, man erwarte, dass Apple ein Firmware-Upgrade zur Verfügung stelle, das das Problem löse oder den bisherigen iPhone-4-Kunden kostenlos den iPhone Bumper, einen Schutzring aus Gummi und Kunststoff, der ebenfalls die Metallteile des Gehäuses elektrisch isoliert, kostenlos überlasse. Und bis dahin müsse man eben wohl oder übel mit dem Problem leben, aber es könne doch nicht sein, dass man auf dieses edle Hightech-Gerät einfach einen Streifen Tesa (Tixo, für meine österreichischen Leser) draufklebe.

Diese Barriere im Kopf, sich mit einfachsten Mitteln zunächst einmal selbst zu helfen, hat mich schon seit jeher verblüfft. Es ist ja nicht so, dass die betroffenen iPhone-Besitzer die Zusammenhänge nicht verstehen würden, aber die Hersteller haben es offenbar inzwischen geschafft, die Kunden soweit vom Produkt zu entfremden, dass er die kreative Selbsthilfe gar nicht erst mehr in Erwägung zieht. Denn dafür gibts ja die Hotline und den Service, und man kann doch nicht einfach …

Wer dieses Phänomen der Selbsthilfeblockade meines Wissens erstmals beschrieben hat, war wieder einmal Robert M. Pirsig. In seinem 1974 erschienenen Buch Zen and the Art of Motorcycle Maintainance (Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten) schildert er einen ganz ähnlichen Fall. Sein Freund John hat nämlich ein Problem mit seinem nagelneuen BMW-Motorrad:

His handlebars had started slipping. Not badly, he said, just a little when you shoved hard on them. I warned him not to use his adjustable wrench on the tightening nuts. It was likely to damage the chrome and start small rust spots. He agreed to use my metric sockets and box-ends.

When he brought his motorcycle over I got my wrenches out but then noticed that no amount of tightening would stop the slippage, because the ends of the collars were pinched shut.

»You’re going to have to shim those out,« I said.

»What’s shim?«

»It’s a thin, flat strip of metal. You just slip it around the handlebar under the collar there and it will open up the collar to where you can tighten it again. You use shims like that to make adjustments in all kinds of machines.«

»Oh,« he said. He was getting interested. »Good. Where do you buy them?«

»I’ve got some right here,« I said gleefully, holding up a can of beer in my hand.

He didn’t understand for a moment. Then he said, »What, the can?«

»Sure,« I said, »best shim stock in the world.«

I thought this was pretty clever myself. Save him a trip to God knows where to get shim stock. Save him time. Save him money.

But to my surprise he didn’t see the cleverness of this at all. In fact he got noticeably haughty about the whole thing. Pretty soon he was dodging and filling with all kinds of excuses and, before I realized what his real attitude was, we had decided not to fix the handlebars after all.

As far as I know those handlebars are still loose. And I believe now that he was actually offended at the time. I had had the nerve to propose repair of his new eighteen-hundred dollar BMW, the pride of a half-century of German mechanical finesse, with a piece of old beer can!

Ach, du Lieber!

Vor 36 Jahren schien eine solche Einstellung noch wundersam, heute wird sie offenbar von einer Mehrheit vertreten. Die Menschen, die sich für die Technik, die sie täglich umgibt, interessieren und die sich selbst helfen wollen, sind offenbar in die Minderzahl geraten. Schade, eigentlich!