Männig

Dropplets: Bloggen minimalistisch

Innerhalb von zehn Jahren ist aus der einstmals einfachen Bloggingplattform WordPress ein mächtiges Content-Management-System geworden. Tausende von Themes und Zehntausende von Plugins haben den Liebling der ins Web schreibenden Menschen zu einem höchst flexiblen Werkzeug, aber auch zu einem trägen Dickschiff gemacht. Ein Großteil der Nutzer ist mit der Fülle der Funktionen im Backend schlicht überfordert und nutzt nur einen Bruchteil davon. Für die, die es gern einfacher haben, werden Plattformen wie Tumblr oder das inzwischen schon wieder von der Bildfläche verschwundene Posterous angeboten. Deren Nachteil: Der Blogger ist Contentlieferant eines kommerziellen Dienstleisters, der sich nicht nur dessen Geschäftsbedingungen unterwerfen muss, sondern dessen Blog unter Umständen auch mit Werbung verziert wird – wenn das Blog nicht gar mitsamt der Plattform eines Tages ganz verschwindet.

Was bislang fehlte: Ein simples und robustes Bloggingsystem für Menschen, die auf einfachste Art und Weise unabhängig im Netz publizieren möchten. Eines für Schreiber, die auf großen Social-Media-Firlefanz ihrer Veröffentlichungs-Plattform keinen großen Wert legen, weil sie ihren derartigen Bedarf schon anderswo decken. Eines für Pragmatiker, die ihre Texte und Bilder gern im eigenen, aber preiswerten Webspace veröffentlichen wollen oder zumindest die Möglichkeit haben möchten, im Zweifelsfall schnell und einfach mit allen Teilen ihres Webauftritts umzuziehen. Lösungen wie Octopress, das auf Jekyll basiert, konnten bislang nur echte Nerds überzeugen, da sie das Gefrickel im Backend eines CMS zwar eliminieren, dem Nutzer jedoch im Gegenzug jeden Menge Bastelei per Kommandozeile auf dem eigenen Rechner zumuten.

Einen neuen, faszinierend schlanken Ansatz versucht hier Dropplets. Das Open-Source-System des amerikanischen Entwicklers Jason Schuller umfasst, als Zipdatei heruntergeladen, gerade einmal 704 kB. Auch nach dem Entpacken bringt es noch deutlich unter einem Megabyte auf die Waage. Da Dropplets auf Datenbanken ganz verzichtet, sind die Ansprüche an den Webspace, auf dem es läuft, überschaubar: Lediglich PHP und FTP müssen gewährleistet sein. Entsprechend schnell ist das System installiert. 30 Second Installation kündigt die Dropplets-Webseite an, und man staunt schon etwas, dass dies tatsächlich annähernd zu klappen scheint. Einfach die entzippten Dateien per FTP hochladen, die entsprechende Webseite öffnen und die systematisch abgefragten Daten eintragen – schon ist die Seite veröffentlicht und für jeden erreichbar.

Das Dashboard der fertigen Installation dürfte das übersichtlichste sein, das man je gesehen hat. Das Stift-Icon oben links führt einen zurück zu den Einstellungen, die man bereits von der Installation her kennt, hinter dem Stern rechts besteht die Möglichkeit, eines der verfügbaren Themes auszuwählen, das X dient zum ausloggen und das Häuschen führt einen zurück zum Frontend. Blogeinträge oder Artikel werden einfach als Datei auf das große Tropfensymbol gezogen. Das System lädt sie automatisch hoch, und im gleichen Augenblick ist ein neuer Beitrag auch schon veröffentlicht. Die Texte selbst werden in Markdown geschrieben und müssen einen festgelegten Textheader beinhalten, in dem alle wichtigen Informationen zur Datei enthalten sind.

Wenn dies auch Menschen, die sich noch nie zuvor mit Markdown beschäftigt haben, abschrecken mag: Einfach geht’s nicht. Und wer erst einmal drei bis vier Artikel in Markdown geschrieben hat, der wird sich fragen, warum er sich eigentlich jahrelang mit TinyMCE und Konsorten herumgeärgert hat. Die Markdown-Dateien legt Dropplets beim Hochladen einfach im Posts-Verzeichnis seiner Installation ab. Von hier aus werden sie jeweils beim Seitenaufruf im Hintergrund per PHP in HTML konvertiert und auf die entsprechende Webseite eingespielt. Doch zurück zu den Themes: Das kompakte Installationspaket liefert zwei Designvorlagen mit, eine einzige, weitere ist derzeit auf GitHub verfügbar.

Was Dropplets nicht mitbringt, ist ein Kommentarsystem. Hier verweist die Plattform einfach an Twitter und empfiehlt per Link, doch bitte dort zu kommentieren. Betrachtet man die Entwicklung der Kultur der Blogkommentare und die des Spamaufkommens in den vergangenen Jahren, so erscheint einem diese Idee nach anfänglichen Zweifeln durchaus nicht als die schlechteste Option. Separat behandelte Seiten als Ergänzung zu den Blogeinträgen oder Artikeln sieht Dropplets nicht vor. Es funktioniert also auch in dieser Hinsicht vergleichbar mit Tumblr. Sollte man Bedarf an Informationen haben, die stets von der Startseite aus verfügbar sein sollen, so lässt sich dies natürlich auch durch die Verlinkung eines Blogeintrags mit den entsprechenden Informationen bewerkstelligen. Auch Feeds im RSS- und Atom-Format liefert Dropplets automatisch sofort nach der Installation.

Schaut man sich die PHP-Struktur des schlanken Bloggingsystems und insbesondere der mitgelieferten Templates etwas genauer an, so kann man sich über klare, nachvollziehbare Strukturen freuen. Jason Schuller ist offenbar ein Freund der transparenten und erklärenden Code-Kommentare, so dass man sich mit eigenen Anpassungen äußerst leicht tut. Freilich ist dies nur konsequent, lässt doch die liberale MIT-Lizenz, unter der Dropplets steht, auch jegliche Eigenarbeit zu. In den vier bis fünf Stunden, die ich mich mittlerweile mit der Open-Source-Bloggingplattform beschäftigt habe, habe ich selbst auch schon einige Modifikationen vorgenommen, nach denen sich das originale Simple-Layout nun etwas verändert darstellt.

Die hübsche Idee, das eigene Twitter-Profilbild ins Intro der Webseite einzufügen, habe ich beibehalten, jedoch die linke Spalte etwas entschlackt. Hier visualisiert nur noch jeweils ein rotes Quadrat einen neuen Artikel. Die einst links vorhandenen Informationen sind jetzt unter den Artikel gerutscht, was den Vorteil hat, dass sie nun auch bei der Darstellung auf schmalen Bildschirmen – das Dropplets-CSS ist durchgängig responsiv angelegt – zur Verfügung stehen. Über die Einzeldarstellung jedes Artikels habe ich einen Header eingefügt, bei dem es sich um eine abgespeckte Version des Intros der Startseite handelt. Dies erforderte neben der Arbeit im entsprechenden Theme-Verzeichnis allerdings auch kleine Eingriffe in die Datei index.php im Rootverzeichnis der Installation.

Statt der in Simple vorhandenen Google Webfonts habe ich Schriften gewählt, die auf einer überwiegenden Zahl von Rechnern betriebssystemübergreifend installiert sind. Dass ein Blogsystem bei jedem Aufruf mit Google telefonieren muss, um sich von dort Fonts zu laden, mag ich nämlich nicht recht einsehen. Entfernt habe ich auch den floating button mit der Aufschrift Powered by Dropplets, andere Buttons wurden durch schlichte Links ersetzt. Zur besseren Übersicht werden die normalerweise roten Links zu bereits besuchten Seiten ausgegraut. Insgesamt beschränkt sich die Farbwelt des modifizierten Themes auf Weiß, Schwarz, Grau und Rot. Wer sich dafür interessiert, kann sich das überarbeitete Layout mit dem Namen RedSquare als 180 kB große Zipdatei herunterladen.

Echte Mängel oder Unstimmigkeiten fallen bei Dropplets, das erst in diesem Jahr erschienen ist, nur wenige auf. Mir war es bislang beispielsweise nicht möglich, Markdown-Dateien per Drag & Drop ins eigene Blogverzeichnis hochzuladen. Grund dafür mögen unzureichende Berechtigungen für das entsprechende Verzeichnis sein. Da ich den Upload aber ohnehin lieber mit einem Droplet (eine zufällige Namensähnlichkeit) per ForkLift erledige, habe ich bislang auch nicht weiter nachgeforscht. Zumindest für ISO-Freunde fragwürdig ist das Eingabeformat für das Datum neuer Artikel nach dem Schema YYYY/MM/DD. Hier hätte man sich ein standardmäßiges YYYY-MM-DD gewünscht, was sich aber durch die Automatisierung der Datumseingabe ebenfalls umgehen lässt. Schmerzhaft vermisst habe ich schließlich noch einige MultiMarkdown-Funktionalitäten. So muss man sich derzeit bei der Eingabe von Tabellen leider doch wieder mit HTML quälen.

All dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Jason Schuller mit Dropplets ein grandioses, leichtgewichtiges Bloggingtool gelungen ist, das die zugegebenermaßen raren Pragmatiker unter den Netzautoren schätzen werden. Ich weiß noch nicht, wozu ich Dropplets wirklich verwenden will, freue mich aber schon jetzt ausgesprochen darauf, es erstmals unter Realbedingungen einzusetzen.