Männig

Opulentes Frühstück nach Lobbyart

Bisweilen verirren sich ja innovative Produkte in unseren Haushalt. Diesmal war es ein Kölln Müsli Knusper Joghurt Himbeer, das, im Supermarktregal stehend, unbedingt einmal probiert werden wollte. Mit dem Gemisch aus Haferflocken, Äpfeln, Nüssen, Zitronensaft und Milch, das der Schweizer Arzt Maximilian Oskar Bircher-Benner seinen Patienten als Abendessen vorsetzte, hat der Inhalt der bunt bedruckten und mit zahlreichen Marketingsprüchen verzierten Kartonverpackung freilich herzlich wenig zu tun. Äpfel sucht man naturgemäß in einem Himbeermüsli vergeblich, aber dafür haben sich in über 100 Jahren und auf dem langen Weg von der Eidgenossenschaft bis nach Schleswig-Holstein, wo Kölln sein Müsli mischt, zahlreiche andere Köstlichkeiten in der Rezeptur eingefunden:

Vollkorn-Haferflocken (38%), Vollkorn-Weizenflocken (23%), Zucker, Weizenmehl, pflanzliches Öl (ungehärtet), Glukose-Fruktose-Sirup, Traubenzucker, Hafer-Vollkornmehl (3%), Magermilchjoghurtpulver, gefriergetrocknete Himbeeren, Himbeersaftkonzentrat, Fruktose, Invertzuckersirup, Gerstenmalzextrakt, Glukosesirup, modifizierte Stärke, Speisesalz, Aroma

Der plakative Aufdruck 30% weniger Fett bezieht sich dann auch nicht auf Bircher-Benners Urrezeptur, sondern auf herkömmliche Knusper Früchte Müslis, wie eine schon deutlich kleinere, verschämt an der Seite angebrachte Erläuterung klar macht. Herkömmlich, damit meint man bei der Peter Kölln KGaA ganz offensichtlich das Konkurrenzprodukt Vitalis der Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG, das seinerseits damit kontert, 30% weniger Zucker als andere Knusper-Früchte-Müslis, sprich: als das Kölln-Produkt zu beinhalten. Der Konsument zahlt freilich gern für den Marketingkrieg der Food-Giganten – und freut sich am Rande noch darüber, dass die Oetker-Werbetexter sich im Gegensatz zum norddeutschen Mitbewerber sogar einer traditionellen, deutschen Rechtschreibung befleißigen.

Nichts präsentiert also die deutsche Lebensmittelindustrie mit mehr Stolz, als Bestandteile eines Produkts wegzulassen, bei denen niemand anderes auch nur auf den Gedanken gekommen wäre, diese überhaupt in ein Produkt hineinzumischen. Peinlich ist es den gleichen Anbietern aber offenbar, wenn etwas drin ist, das wirklich hineingehört. Nüsse beispielsweise, eine originäre Zutat des guten, alten, Müslis. Die werden nicht etwa in der Liste der Zutaten aufgeführt, sondern in winziger Schrift ganz unten auf der Schmalseite der Karton-Umverpackung: Kann Spuren von Schalenfrüchten enthalten. Merkwürdig, dass die ebenfalls in Spuren enthaltenen Himbeeren im Gegensatz dazu auf der Vorderseite des Produkts in knallroter, etwa zehn Mal so großer Schrift angepriesen werden.

Ein leichtes Frühstück mit einem besonderen Geschmackserlebnis verspricht ein weiterer Packungstext. Was mit leichtes Frühstück gemeint ist, entdeckt der informationssuchende Kunde ganz oben auf dem Karton. Hier erfährt man, dass eine Portion des Kölln Müsli Knusper Joghurt Himbeer 8 % des täglichen Kalorienbedarfs und 6 % des Bedarfs an Fett deckt. Und eine Portion, das sind per definitionem sage und schreibe ganze 40 Gramm. 40 Gramm Müsli, das entspricht ziemlich genau drei Esslöffeln dieses Produkts. So erhält zwar der Begriff leichte Mahlzeit eine ganz neue Bedeutung, was jedoch nichts daran ändert, dass ein normaler Mensch sein Müslischälchen tendenziell eher mit 100 bis 150 Gramm befüllen wird, bevor er es noch mit Milch und gegebenenfalls etwas Zucker veredelt. Die auf der Packung angegebenen Prozente der Deckung des täglichen Bedarfs werden so ins Reich der Fantasie verwiesen.

Will man wissen, wer sich derart unsinnige und realitätsferne Portionsgrößen einfallen lässt, dann muss man schon etwas unbequemer auf der Unterseite der oben bereits geöffneten Kölln-Müslipackung weiterlesen. Die zugrunde gelegten Richtwerte basieren auf der Empfehlung von Ernährungsexperten (FoodDrinkEurope), so erfährt man dort. Um mehr über diese Ernährungsexperten herauszufinden, bemüht man am besten eine Suchmaschine seines Vertrauens. FoodDrinkEurope ist ein Verein belgischen Rechts, der in Brüssel mit Blick auf den schönen Jubelpark residiert. Bis vor zwei Jahren trug die Organisation den Namen Confédération des Industries Agro-Alimentaires de l’UE (Vereinigung der EU-Lebensmittelindustrie, kurz CIAA), dann allerdings entschloss man sich zu einer Umfirmierung, um die die eigentlichen Intentionen der Organisation nicht mehr ganz so deutlich sichtbar werden zu lassen.

Dennoch ordnet das EU-Transparenzregister diesen Verein, dem nationale Organisationen der Lebensmittelwirtschaft wie multinationale Food-Konzerne angehören, auch heute noch dem Bereich II – In-House-Lobbyisten, Gewerbe- und Berufsverbände zu. Und über die Intentionen von FoodDrinkEurope kann man sich im genannten Register unter der Überschrift Ziele und Aufgaben auch gleich ein genaueres Bild machen. Den Interessen der Lebensmittelindustrie möchte man dienen, heißt es dort wenig erstaunlich, seine Produkte bewerben und verteidigen und volle Transparenz wahren – letzteres allerdings ausschließlich gegenüber den eigenen Mitgliedern. Man will für ein wirtschaftliches und politisches Umfeld kämpfen, in dem den Unternehmen der Lebensmittelbranche ein dauerhaftes Wachstum ermöglicht wird.1

Und wo so engagiert für das Geschäft der Lebensmittelindustrie gekämpft wird, da muss sich der arme Verbraucher daheim eben schon einmal mit drei Löffeln trockenem Müsli zum Frühstück begnügen. Er tut’s sicher gern, dient er doch damit einer guten Sache. Und dass Ernährungsexperten anderswo sitzen könnten, als in einer EU-Lobbyorganisation der Lebensmittelindustrie, daran hatte ja ohnehin niemand mehr geglaubt, oder? Aber geschmeckt hat’s am Ende ja doch. Man sollte vielleicht nur nicht die Packung auf dem Tisch stehen lassen oder sich gar Gedanken über deren Aufschriften machen.


  1. The purpose of FoodDrinkEurope is servicing the horizontal interests of the European food and drink manufacturing industry from the commercial, technical, economic, legal and scientific points of view, and in particular:
    a) the defence and promotion of the products of the food and drink industries, in full transparency and in complete independence vis-à-vis the members of the Association;
    b) the study of problems of concern in the scientific, technological, economic and legislative areas related to the European food and drink manufacturing industry, as well as the search for and carrying out of relevant solutions;
    c) the cooperation with any organisation established in the context of the European Union and with any other international organisation, as well as with the federations of food and drink industries in the Member States of the European Union and beyond.
    In order to fulfil its mission, FoodDrinkEurope participates pro-actively in the development of an environment where all European food and drink companies (whatever their size) can compete effectively for sustainable growth, while meeting consumers’ needs and playing their part in delivering the targets set by the Lisbon declaration of the European Council.
    FoodDrinkEurope contributes to the sustainable development of a legislative and economic framework addressing competitiveness, food quality and safety, consumer information and respect for the environment.