Männig

Das richtige Betriebssystem

Immer wieder brandet sie ja auf, die Diskussion über Computer- und Betriebssysteme. Am Stammtisch, am Arbeitsplatz, in Internetforen und auf Twitter. Und wie bei der Wahl der richtigen Automarke gehts dabei in der Regel nicht um Vernunftentscheidungen. Hier wie da prallen eher Glaubensrichtungen, ja Religionen zusammen, wird bis aufs Messer um die Wahrheit gekämpft.

Auf der einen Seite die User, die sich eigentlich gar nicht weiter um ihren Rechner kümmern wollen. Irgendwann sind sie mal in den Laden gegangen und sich einen Computer gekauft. Für die Diplomarbeit oder einfach fürs Internet. Auf dem Gerät war dann Windows drauf. Praktisch, denn da kannte man sich aus, das hatte man bei der Arbeit oder im Praktikum auch schon kennen gelernt. Und einige wichtige Programme konnten einem Freunde und Bekannte … Nun, vielleicht nicht ganz legal, aber ist ja nur für privat. Immer glücklich sind sie nicht, mit dem, was ihr Computer tut oder eben gerade nicht, die Mitglieder der Windows-Faktion. Aber bevor man sich an etwas Neues gewöhnt, nee, dann bleibt man lieber dabei. Das erste Auto war ja schließlich auch ein Käfer – und heute fährt man Golf.

Dann gibt es da noch die Mac-Anwender. Das sind die Leute, die auch Bauhaus-Freischwinger in der Wohnung haben und schwarze Rollis tragen. Keine Ahnung, wie ein Unternehmen, das zwar die Maus im Computermarkt etabliert hat, aber bis heute keine vernünftig funktionierende auf den Markt gebracht hat oder das auch erst seit zwei Jahren eine benutzbare Tastatur anbietet, es schaffen konnte: Mac-User sind dem Hersteller der Objekte ihrer Begierde treu und huldigen ihrem Guru Steve Jobs mindestens zweimal jährlich anlässlich seiner Keynote-Reden. Was neu auf den Markt kommt, wird ohnehin gekauft, und wer sichs nicht leisten kann, bedient sich am immer noch überteuerten Sekundärmarkt. Seine Automarke ist dem Apple-Anhänger egal, klebt doch sowieso ein angebissener Apfel hinten am Vehikel.

Und schließlich die Linux-Jünger. Jung, männlich, blasse Hautfarbe, da sie kaum je das Tageslicht sehen und generell nicht eben eine gesunde Lebensweise pflegen. Sie sind die Menschen, von denen jeder einen in seinem Freundeskreis haben will. Zwar kann man mit ihnen fast ausschließlich über Computer oder die neuesten Geek Toys reden, aber dafür sind sie da und können helfen, wenn der eigene Rechner mal wieder streikt. Selbst fortgeschrittene Hardwareschraubereien stellen kein Problem dar und gleich, ob Anhänger der Suse- oder der Ubuntufraktion: Mit Windoof kennen sie sich allemal auch aus, selbst wenn sie dieses Betriebssystem aus ganzem Herzen verachten. Der Linux-Sympathisant fährt Papas alten Astra bis zum bitteren Ende, Hauptsache das Autoradio wurde zuvor durch ein gepatchtes Multimediasystem ersetzt.

Was nun also tun, sich welcher Gruppe anschließen? Nachdem ich schon vor 1980 kleine Datenbanken unter einem BASIC-Derivat auf einer Dietz 621 programmieren durfte und mir 1988 den ersten eigenen Rechner mit MS-DOS 3.3 anschaffte, half mir Anfang der Neunziger mein damaliger Chef bei der Entscheidung. Dieser Mann war ein amerikanischer Mathematiker und Computerwissenschaftler im gesetzteren Alter, der einer der ersten Mitarbeiter des Arpanet gewesen war und TCP/IP maßgeblich mitentwickelt hatte. Als ich ihn einmal bei einem komplexeren Computerproblem um Rat fragte, schloss er seine äußerst fundierte Erklärung mit den Worten:

Ich glaube, ich kenne mich mit Computern schon einigermaßen aus. Ich bin promovierter Mathematiker. Mein erstes Programm habe ich 1957 geschrieben, mit über 65.000 Zeilen Maschinensprache. Aber ich mag mich nicht mehr um solchen Kram kümmern. Ich möchte meinen Rechner einschalten, meine E-Mails lesen und schreiben und ihn dann wieder ausmachen. Um das, was da drin vor sich geht, mag ich mich nicht mehr kümmern. Darum liebe ich meinen Mac.

Ich habs seither – soweit irgend möglich – mit meinem ehemaligen Chef gehalten.