Eine Sendeschleife aus 40 hochplatzierten Chart-Titeln, Schlagzeilen, Wetter, Durchhalteparolen für Autofahrer und vielen, vielen Jingles, präsentiert von bemüht-munteren Moderatoren: Das ist es offenbar, was heute nicht nur privaten Radiosendern Erfolg verheißt und was deshalb auch die Monotonie des UKW-Bands prägt. Doch es gibt sie noch, die Oasen des guten, alten Dampfradios, mit Bildungsauftrag und gut recherchierten Reportagen, wie man sie beispielsweise in den zweiten Programmen des Bayerischen, des Hessischen und des Südwestrundfunks findet. Ein bemerkenswertes Highlight der Selbstreflexion liefert derzeit SWR 2 mit einer sechsteiligen Serie. Tonspuren – Eine deutsche Rundfunkgeschichte lautet der Titel der Sendereihe von Wolfgang Bauernfeind, der als langjähriger Feature-Redakteur beim Sender Freies Berlin und beim Rundfunk Berlin Brandenburg viel Insiderwissen gesammelt hat.

Was die jeweils knapp eine halbe Stunde langen Sendungen besonders interessant macht: Sie zeigen immer wieder deutlich auf, wie eng die Verknüpfung von Rundfunk und Politik bereits von den ersten Tagen des Radios an ist. Dies beginnt schon Anfang der zwanziger Jahre damit, dass die zunächst privaten Rundfunkbetreiber den deutschen Staat in Form des Reichspostministeriums zu 51 Prozent an ihren Aktiengesellschaften beteiligen. Ein für beide Seiten gewinnbringendes Erfolgsmodell: Die Rundfunkgesellschaften erhalten Gebietsschutz durch die Politik und verpflichten sich im Gegenzug zu Kostenneutralität für den Staat und politischem Wohlverhalten in dessen Sinne. Schließlich liegen zu diesem Zeitpunkt die letzten politischen Umstürze in Deutschland mit der Novemberrevolution erst wenige Jahre zurück, und man befürchtet, dass ein unregulierter Rundfunk weiteren staatsfeindlichen Umtrieben Vorschub leisten könne.

Selbst wenn man sich nicht für die ollen Kamellen des öffentlich-rechtlichen Radios interessiert: Jedem, der an der heutigen Netzpolitik interessiert ist, helfen die Informationen der spannenden Tonspuren-Reihe des SWR zu verstehen, welche Sorgen und Nöte ein großer Teil der politischen Akteure auf Bundes- wie auf Landesebene heute hat: Mit dem Internet ist ein System entstanden, das man zunächst als unrelevant sah, das nun jedoch zunehmend als gefährlich und unbeherrschbar empfunden wird. Ganz anders als beim Rundfunk, mit dem von allen politischen Systemen der vergangenen fast 100 Jahre stets vorteilhafte Arrangements getroffen werden konnten – und der trotz aller Unabhängigkeitsbeteuerungen bis heute über paralleldemokratische Rundfunkräte durch Deligierte aus Politik und Verbänden zuverlässig in deren Sinne gesteuert wird.

Tonspuren – eine deutsche Rundfunkgeschichte sei jedem ans Herz gelegt, der sich für Medien und Politik interessiert. Seit 30. September 2011 jeweils freitags um 8:30 Uhr, wobei die zurückliegenden Sendungen jeweils zeitsouverän nachgehört werden können:

  1. Gründerzeit (2011-09-30) online hören, lesen oder als MP3 herunterladen
  2. Gleichschaltung (2011-10-07) online hören, lesen oder als MP3 herunterladen
  3. Auferstanden aus Ruinen (2011-10-14) online hören, lesen oder als MP3 herunterladen
  4. Geburtsstunden (2011-10-21) online hören, lesen oder als MP3 herunterladen
  5. Wem gehört der Rundfunk? (2011-10-28) online hören, lesen oder als MP3 herunterladen
  6. Wege zur Einheit (2011-11-04) online hören, lesen oder als MP3 herunterladen