Männig

Risikosportarten

Hinweis: Dieser Text enthält Passagen in bairischer Sprache. Norddeutsche und andere Sprachunkundige finden eine Version in weitgehend reinem Hochdeutsch weiter unten.

Dienstag Nachmittag in der großen Stadt. Der Plan lautet, eine Salatschleuder zu organisieren, die sich möglichst unkompliziert zu einer Zentrifuge umbauen lässt. Seit Stuxnet geht der Trend ja bei der Ausübung heimischer Hobbys wieder hin zu einfacheren, elektronikfreien Geräten. Ich muss zugeben, ich liebe Haushaltswarengeschäfte. Leider hat weder das erste Haus am Platz noch die Haushaltsabteilung des großen Kaufhauses das vorrätig, was ich mir vorgestellt habe.

So lasse ich mich also weitertreiben und finde mich schon bald dort wieder, wo ich einfach nie ohne einen genaueren Blick vorbeilaufen kann: Vor dem Displayregal mit den Essbestecken. Es liegt mir fern, mich rühmen zu wollen, doch habe ich mich im Verlauf der letzten 30 Jahr zu einem kleinen Experten für die Produkte der Firma WMF entwickelt. Dennoch suche ich stets die Besteckregale von Fachhandel und Warenhäusern auf, um mein Wissen bestätigt zu sehen und eventuelle Neuigkeiten zu entdecken, die freilich nur selten zu finden sind.

Stets beginne ich meine Runde bei Stockholm, dem Essbesteck meiner Kindheit. Ja, ich bin nicht nur mit dem sprichwörtlichen Cromarganlöffel im Mund aufgewachsen, sondern auch mit der esstechnischen Ikone der Neuen Sachlichkeit. Leider haben ja die gestalterischen Überarbeitungen der letzten Jahre insbesondere dem einst fein geschwungenen Tafelmesser der Serie nur wenig gut getan, und so verweile ich oft einige Minuten, im Geiste vergleichend, vor dem nur noch grob an das einst Vertraute gemahnende Modell.

Doch halt, was ist das? Hat man das Messer gar abermals neu gestaltet? Doch auf den ersten Schreck folgt schnell die Erleichterung. Hier hat sich offenbar zwischen Dessertlöffel, Esslöffel und Gabel der Stockholm-Serie ein Messer des Modells Vision gemogelt. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Zunächst zumindest. Doch dann fällt mein Blick auf die anderen schräggestellten Besteckregale, auf denen jeweils eine einzelne Serie präsentiert werden soll, und ich zucke zusammen.

Von mir unbemerkt hat sich in der Zwischenzeit eine Fachverkäuferin zu mir gesellt. Eine Fachverkäuferin obendrein, die ich als Stammkunde der Abteilung hier noch nie gesehen habe. »Was ist hier los?«, herrsche ich die Frau mit dem silbernen Namensschild an. »Seit über 20 Jahren bin ich hier Kunde, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt!« Erschrocken zuckt die Kundenberaterin zusammen.

»Sehen Sie hier! Das ist doch kein Stockholm-Messer, das ist das Vision. Und dort erst! Auf dem Display von Premiere liegt nicht das Premiere-Besteck, sondern Taika!« »Ich weiß auch nicht …«, hebt die Verkäuferin an, kommt dann aber gleich wieder ins stocken so dass ich das Heft wieder in die Hand nehme. »Und da erst! Das Kent ist zur Hälfte ein Forte! Und beim Lyric liegt ein Allegra-Löffel! So gehts doch nicht!«

»Sie kennen sich aber gut aus …«, versucht mich die Kaufhausmitarbeiterin zu beschwichtigen. Durch die Unruhe angelockt, sind inzwischen noch zwei weitere Mitarbeiterinnen der Haushaltswarenabteilung zu uns getreten. »Mei, wia siagt’s nachad då aus!«, schlägt die ältere der beiden die Hände über dem Kopf zusammen, während die jüngere eher desinteressiert auf einem Kaugummi kaut. »Då bauch’ma jå Stundn, bis dass ma des Zeigl wieda zammsoadiad håm!«

»Wer jetzt das wohl war?«, mischt sich nun die erste Verkäuferin wieder ins Gespräch ein. »Vielleicht haben sich da ein paar Jugendliche einen Scherz erlaubt.« »Mit Sicherheit keinen guten.«, erwidere ich, immer noch ganz verstört und vermutlich etwas blass um die Nase. »Jugendliche?«, erwacht nun auch Miss Kaugummi, »Machen die nicht heute eher was anderes? Risikosportarten und so?«

»Jetza såg i dia wås!«, fällt ihr die ältere Kollegin ins Wort. »Die wann i erwisch, wo sowås machn, dann is des fei fer die a echdi Risikoschbortårt!« Und sie wirkt sehr überzeugend dabei. »Und Sie«, spricht sie mich nun an, »Sie kriang jetzt erstamoi a Glasl Wassa, dåmit’s Eana wieda bessa geht. Und dann geb ii Eahna a Visitnkartl mit. Då ruafas ös näxte Moi oo, bevor’S kemma. Damit mia davor schaun kenna, dass ois in Ordnung is.«

Sicherlich, die dramatischen Ereignisse des Nachmittags haben mich schon sehr verstört. Dennoch bin ich wieder versöhnt ob des guten Kundendienstes und freue mich schon jetzt auf meinen nächsten, meditativen Besuch in der Besteckabteilung. Vom ursprünglichen Grund der heutigen Visite im großen Kaufhaus bin ich übrigens wieder abgekommen. Eine Salatschleuder, so meine Erkenntnis, ist zu klein und dreht zu langsam, um als effiziente Zentrifuge zu dienen.

Hat vielleicht jemand der geneigten Leserschaft noch eine alte Wäscheschleuder im Keller?
 

Ins Hochdeutsche übersetzte Version:

Dienstag Nachmittag in der großen Stadt. Der Plan lautet, eine Salatschleuder zu organisieren, die sich möglichst unkompliziert zu einer Zentrifuge umbauen lässt. Seit Stuxnet geht der Trend ja bei der Ausübung heimischer Hobbys wieder hin zu einfacheren, elektronikfreien Geräten. Ich muss zugeben, ich liebe Haushaltswarengeschäfte. Leider hat weder das erste Haus am Platz noch die Haushaltsabteilung des großen Kaufhauses das vorrätig, was ich mir vorgestellt habe.

So lasse ich mich also weitertreiben und finde mich schon bald dort wieder, wo ich einfachnie ohne einen genaueren Blick vorbeilaufen kann: Vor dem Displayregal mit den Essbestecken. Es liegt mir fern, mich rühmen zu wollen, doch habe ich mich im Verlauf der letzten 30 Jahr zu einem kleinen Experten für die Produkte der Firma WMF entwickelt. Dennoch suche ich stets die Besteckregale von Fachhandel und Warenhäusern auf, um mein Wissen bestätigt zu sehen und eventuelle Neuigkeiten zu entdecken, die freilich nur selten zu finden sind.

Stets beginne ich meine Runde bei Stockholm, dem Essbesteck meiner Kindheit. Ja, ich bin nicht nur mit dem sprichwörtlichen Cromarganlöffel im Mund aufgewachsen, sondern auch mit der esstechnischen Ikone der Neuen Sachlichkeit. Leider haben ja die gestalterischen Überarbeitungen der letzten Jahre insbesondere dem einst fein geschwungenen Tafelmesser der Serie nur wenig gut getan, und so verweile ich oft einige Minuten, im Geiste vergleichend, vor dem nur noch grob an das einst Vertraute gemahnende Modell.

Doch halt, was ist das? Hat man das Messer gar abermals neu gestaltet? Doch auf den ersten Schreck folgt schnell die Erleichterung. Hier hat sich offenbar zwischen Dessertlöffel, Esslöffel und Gabel der Stockholm-Serie ein Messer des Modells Vision gemogelt. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Zunächst zumindest. Doch dann fällt mein Blick auf die anderen schräggestellten Besteckregale, auf denen jeweils eine einzelne Serie präsentiert werden soll, und ich zucke zusammen.

Von mir unbemerkt hat sich in der Zwischenzeit eine Fachverkäuferin zu mir gesellt. Eine Fachverkäuferin obendrein, die ich als Stammkunde der Abteilung hier noch nie gesehen habe. »Was ist hier los?«, herrsche ich die Frau mit dem silbernen Namensschild an. »Seit über 20 Jahren bin ich hier Kunde, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt!« Erschrocken zuckt die Kundenberaterin zusammen.

»Sehen Sie hier! Das ist doch kein Stockholm-Messer, das ist das Vision. Und dort erst! Auf dem Display von Premiere liegt nicht das Premiere-Besteck, sondern Taika!« »Ich weiß auch nicht …«, hebt die Verkäuferin an, kommt dann aber gleich wieder ins stocken so dass ich das Heft wieder in die Hand nehme. »Und da erst! Das Kent ist zur Hälfte ein Forte! Und beim Lyric liegt ein Allegra-Löffel! So gehts doch nicht!«

»Sie kennen sich aber gut aus …«, versucht mich die Kaufhausmitarbeiterin zu beschwichtigen. Durch die Unruhe angelockt, sind inzwischen noch zwei weitere Mitarbeiterinnen der Haushaltswarenabteilung zu uns getreten. »Mein Gott, wie sieht es denn hier aus!«, schlägt die ältere der beiden die Hände über dem Kopf zusammen, während die jüngere eher desinteressiert auf einem Kaugummi kaut. »Da brauchen wir ja Stunden, bis wir das alles wieder richtig sortiert haben!«

»Wer jetzt das wohl war?«, mischt sich nun die erste Verkäuferin wieder ins Gespräch ein. »Vielleicht haben sich da ein paar Jugendliche einen Scherz erlaubt.« »Mit Sicherheit keinen guten.«, erwidere ich, immer noch ganz verstört und vermutlich etwas blass um die Nase. »Jugendliche?«, erwacht nun auch Miss Kaugummi, »Machen die nicht heute eher was anderes? Risikosportarten und so?«

»Jetzt sag ich dir mal was!«, fällt ihr die ältere Kollegin ins Wort. »Wenn ich die erwische, die so etwas tun, dann ist das für die eine echte Risikosportart!« Und sie wirkt sehr überzeugend dabei. »Und Sie«, spricht sie mich nun an, »Sie kriegen jetzt erstmal ein Glas Wasser, damit’s Ihnen wieder besser geht. Und dann gebe ich Ihnen eine Visitenkarte mit. Dann rufen Sie das nächste Mal an, bevor Sie herkommen. Damit wir vorher dafür sorgen können, dass hier alles in Ordnung ist.«

Sicherlich, die dramatischen Ereignisse des Nachmittags haben mich schon sehr verstört. Dennoch bin ich wieder versöhnt ob des guten Kundendienstes und freue mich schon jetzt auf meinen nächsten, meditativen Besuch in der Besteckabteilung. Vom ursprünglichen Grund der heutigen Visite im großen Kaufhaus bin ich übrigens wieder abgekommen. Eine Salatschleuder, so meine Erkenntnis, ist zu klein und dreht zu langsam, um als effiziente Zentrifuge zu dienen.

Hat vielleicht jemand der geneigten Leserschaft noch eine alte Wäscheschleuder im Keller?