Männig

Misere des Journalismus – Chance für die informationelle Selbstbestimmung?

Einen äußerst interessanten Artikel zur Misere des Journalismus (heute: “Tschörnalismus”) liefert heute das Online-Magazin Telepolis. Mir ist er in weiten Teilen aus der Seele gesprochen: Das Ziel, Medien wirtschaftlich, und das heißt primär zur Zufriedenheit der Investoren oder Geldgeber (neudeutsch: Shareholder) zu produzieren, hat sich im Laufe der letzten Jahre deutlich auf die redaktionelle Qualität niedergeschlagen. Diese Entwicklung ist je nach Medium unterschiedlich stark ausgeprägt, aber im Querschnitt klar feststellbar.

Gut zu beobachten war dies für mich am Beispiel der Süddeutschen Zeitung: Aus Überzeugung habe ich vor zwanzig Jahren das Blatt abonniert, weil es sauber recherchiert, gut und kritisch geschrieben und, nicht zuletzt, für den Raum München von hoher regionaler Relevanz war. Die Redakteure waren in der Stadt fast omnipräsent, auf Recherche oder auch kritisch nachfragend und diskutierend auf Pressekonferenzen anzutreffen, ja gehörten fast zum Bild der Innenstadt.

Vor einigen Jahren schien dann die Parole ausgegeben worden zu sein, man solle gefälligst in der Redaktion bleiben und schreiben. Pressekonferenzen wurden kaum mehr besucht, eingesandte Pressemitteilungen lieblos abgetippt, höchstens geringfügig redigiert – oder aber ignoriert. Eine inhaltliche Auseinandersetzung und deren Refexion im gedruckten Blatt des nächsten Tages fand immer weniger statt. Zufällig getroffene Zeitungsredakteure wussten jetzt nicht mehr von spannenden, laufenden Recherchen zu berichten, klagten dagegen vermehrt über verschlechterte Arbeitsbedingungen.

Den Höhepunkt dieser kaufmännisch getriebenen Entwicklung stellt wohl der nun erfolgte Umzug der Redaktion der Süddeutschen aus dem Herzen der Münchner Altstadt ins Steinhauser Niemandsland am Stadtrand zwischen Autobahn und altem Rangierbahnhof dar. Die kabarettistischen Äußerungen des Münchner Oberbürgermeisters zu dieser Umsiedlung treffen den Nagel auf den Kopf, lassen dem Leser aber das Lachen im Hals ersticken.

Es besteht allerdings die Möglichkeit, den traurigen Niedergang des Journalismus auch als basisdemokratische Chance zu begreifen. Die schnellen technischen Infrastrukturen und die Breite des Informationsangebots im Internet bietet heute nie dagewesene Möglichkeiten, aus unterschiedlichsten Quellen selbst zu recherchieren – und selbst nachzudenken, ohne sich die Meinung zur welt-, lokal- oder wirtschaftspolitischen Lage von der Redaktion einer einzelnen, abonnierten Tageszeitung vorkauen zu lassen.

Jedem interessierten Menschen mit Internetanschluss kann es nur empfohlen werden, sich mit der recht simplen Technik von Feedreadern auseinanderzusetzen. RSS– und Atom-Feeds stehen von einer Unzahl an informativen Webseiten kostenlos zur Verfügung. Sind die Feeds einmal mit wenigen Mausklicks eingerichtet, dann erlaubt der Feedreader eine schnelle Übersicht über alle aktuellen Informationen zum jeweils eigenen Interesse – einschließlich des übersichtlichen Vergleichs, wie unterschiedlich die einzelen Medien oder Webseiten über ein und dasselbe Thema berichten. Nachdenken darf, ja muss man jetzt allerdings selbst.

Konkretere Ratschläge gefällig? Will man sich selbst zunächst einmal nicht mit weiterer Software belasten, so ist es empfehlenswert, sich zunächst einmal bei einer Plattform wie NewsGator oder Bloglines anzumelden und seine Feeds dort einzutragen und online zu lesen. Weiterer Vorteil: Auf diesen Seiten werden einem gleich zahlreiche Feeds von unterschiedlichsten Seiten vorgeschlagen und Suchmaschinen erleichtern das auffinden von Feeds zu verschiedenen Themen. Das Netz hat aber auch zahlreiche Feed-Verzeichnisse und -Register in unterschiedlichster Qualität zu bieten.

Wer sich intensiver mit dem Thema auseinandersetzen will, dem sei aber die installation eines leicht navigierbaren Feedreader-Programms auf dem eigenen Rechner empfohlen. Dies ist auch synchron möglich, wenn man von verschiedenen Endgeräten oder Computersystemen aus auf eine der genennten “Feed-Sammel-Plattformen” zugreift. So werden einem immer nur die Feeds angezigt, die nicht schon auf einem anderen der eigenen Rechner gelesen wurden.

Beispielsweise verwalte ich meine Feeds zentral bei NewsGator, verwende auf meinem Apple-Rechner die Software NetNewsWire, die auf die Datenbank bei NewsGator zugreift, ebenso wie NetNewsWire auf dem iPhone (wunderbar in der S-Bahn oder im Zug!) oder FeedDemon als Feedreader auf dem Windows-Computer. Der Datenbestand wird aber von allen Programmen immer zentral in der webbasierten Datenbank von NewsGator aktuell gehalten. Gleiches ist natürlich auch mit anderen Anbietern und anderen Programmen möglich, die weiter oben hinerlegten Links geben einige Einstiegshinweise.

Auch wenn dies zunächst einmal kompliziert klingt: Es kann nur jedem empfohlen werden, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und stärker über seine Informationen selbst zu bestimmen. Ebenso schnell, wie Feeds zu abonnieren sind, kann man sie auch wieder mit einem Mausklick oder Fingertipp abbestellen. Probiert es einfach mal aus. Viel Glück bei der eigenen Meinungsbildung!