Als ich heute Morgen an meinen Bahnsteig komme, bekomme ich erstmal einen Schreck: Steht da doch tatsächlich ein ICE 3! Sind das nicht die Schienenfahrzeuge, die sich als längst nicht so haltbar erwiesen haben, wie Onkel Hartmut ursprünglich behauptet und vielleicht sogar geglaubt hatte? Die, bei denen die Radsatzwellen scheinbar unterdimensioniert und damit bruchgefährdet sind? Schreckensszenarien bauen sich vor meinem geistigen Auge auf, Eschede fährt es mir durch den Kopf und wie ein Film spult sich, als ich zitternd einsteige, mein viel zu kurzes Leben noch einmal in meinem Kopf ab.

Ich nehme schwitzend Platz auf meinem reservierten Fensterplatz mit Tisch – und eigentlich ist alles wie immer. Ruhig ist es im Waggon, keineswegs zu voll, bestenfalls ein Dutzend Passagiere. Pünklich geht es los und kurz nach der Abfahrt die vertraute Durchsage: “Wir begrüßen Sie an Bord unseres ICE nach …”

Doch halt, etwas stimmt nicht. Eigentlich kennt man den Text doch eher misslaunig heruntergeleiert, undeutlich gesprochen von einem älteren Herrn, den man sich gut unrasiert dabei vorstellen kann, zu laut oder zu leise und vor allem mit deutlichem, sächsischen Akzent? Heute aber erschallt er in gestochenem Hochdeutsch, freundlich, wohl betont und offensichtlich von einer jungen Frau gesprochen. Man fühlt sich fast an die besten Zeiten der Lufthansa vor über zwanzig Jahren erinnert, aber die kriegen das ja heute auch nicht mehr hin.

Ganz bin ich noch in meinem Erstaunen versunken, als hinter mir eine fröhliche Stimme erschallt: “Guten Morgen, Ihre Fahrscheine bitte!” Ich drehe mich um und erleide augenblicklich fast eine Herzattacke, nähern sich doch von hinten gleich zwei Schaffnerinnen, pardon, Zugbegleiterinnen: Beide hübsch, jung, blond und freundlich lächelnd. Während ich mit blödem Gesichtsausdruck und offen stehendem Mund noch diese scheinbare Fata Morgana anstarre, hat sich eine der beiden Schönheiten schon meine Fahrkarte geschnappt, abgeknipst und mir mit wohlklingender Stimme eine gute Reise und einen schönen Tag gewünscht.

Als die beiden in den nächsten Waggon weitergezogen sind, komme ich allmählich wieder zu mir. Was passiert hier? Am eigenen Delirium kanns nicht liegen, bin ich doch schon seit einigen Tagen dem Alkohol abhold. Ein Belastungstest der Bahn vielleicht, um zu prüfen, mit welchen unvorhergesehenen Überraschungen ihre Kunden denn auch noch fertig werden? Ein Aufsichtsrat der Bahn AG im Zug vielleicht? Aber nein, diesen Gedanken verwerfe ich gleich wieder, reise ich doch ganz schnöde in der zweiten Klasse.

Schließlich tasten meine Blicke einige Zeit sorgsam die ganze Innenausstattung des Waggons ab, auf der Suche nach einer versteckten Kamera. Schließlich möchte man ja vorbereitet sein, wenn man zur Besten Sendezeit zum Gelächter der ganzen Nation wird, weil man sich so hat an der Nase herumführen lassen. Ich finde aber keine, auch springt kein Frank Elstner hinter einer Sitzreihe hervor, der mich über den gelungenen Scherz aufklärt.

Also sinke ich in mein Sitzpolster zurück, wieder ruhiger atmend, und schließe die Augen. “Einen Kaffee vielleicht, der Herr, oder eine Butterbrezel?” höre ich es in diesem Moment. Ich öffene die Augen. Das Mädchen mir dem Kaffeewagen ist jung, hübsch, dunkelhaarig und strahlt mich an. Na ja, wenigstens spricht sie mit einem deutlich hörbaren, tschechischen Akzent. Scheinbar komme ich allmählich wieder in der Realität einer Bahnreise an. Ganz sachte, langsam. Einen Kaffee kaufe ich dennoch. Und eine Butterbrezel. Und ein großes Trinkgeld erhält das Kaffeemädchen obendrein.

Unklar bleibt mir aber der diese Verkettung von ungewöhnlichen Vorfällen bei einer Bahnreise nach wie vor. Viellleicht eine taktische Maßnahme der Marketingabteilung, um die nächste Preiserhöhung zu verargumentieren? Fragen über Fragen, und zurück bleibt ein völlig verunsicherter Bahnkunde …