Männig

Die Konferenzbadewanne

Karl Gheorghe Sebastian muss eine schillernde Persönlichkeit gewesen sein. Aus einer Familie der rumänischen High Society stammend, heiratete er 1929 eine reiche und zwanzig Jahre ältere amerikanische Witwe. Man lebte als Teil der damaligen Hautevolee an unterschiedlichen Orten, mit einem formellen Lebensmittelpunkt im trendigen Paris. Schon früher hatte Sebastian an der tunesischen Mittelmeerküste nahe Hammamet, wo sich heute Hotel an Resort reiht, stattliche siebzehn Hektar Grund direkt am Meer erworben. Hier wurde um 1930 die Winterresidenz des Paares errichtet, ein Gebäude, das Frank Lloyd Wright später einmal als das schönste Haus, das ich kenne bezeichnet haben soll. Man führte ein offenes Haus in der Dar Sebastian genannten Villa. Zahlreiche Künstler des 20. Jahrhunderts fanden dort ein temporäres Domizil, was sich auch in zahlreichen Zeichnungen und Gemälden der weitläufigen Parkanlage zeigt.

Sebastian selbst flüchtete zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nach Kalifornien, und schon bald darauf nahm der Generalfeldmarschall Erwin Rommel im Rahmen des deutschen Afrikafeldzugs Domizil in der Villa. Etwas später wurde er von Winston Churchill abgelöst, der dort nach dem Krieg an seinen Memoiren schrieb. Sebastian kehrte erst 1949 nach Hammamet zurück und lebte noch einige Jahre auf dem geräumigen Anwesen, bevor er es schließlich im Jahr 1962 an den tunesischen Staat verkaufte. Seitdem dient Dar Sebastian als Centre Culturel International und ist daher – gegen einen geringen Eintrittspreis – für die Öffentlichkeit zugänglich. Als ich im Herbst 2000 Villa und Park besuchte, faszinierte mich eines ganz besonders: Die einzigartige Konferenzbadewanne. Im geräumigen Badesaal der Villa, der von einem arabischen Hammam inspiriert ist, findet sich nämlich eine in den Boden abgesenkte Marmorwanne mit vier im Quadrat angeordneten Sitzplätzen.

Der Wasserzulauf der voluminösen Anlage erfolgt – getrennt für heißes und kaltes Wasser – über zwei offen liegende Kanäle, die in die massiven Marmorplatten eingemeißelt sind. Gespeist werden diese Kanäle freilich von ganz banalen Wasserhähnen, die ihr feuchtes Nass wie eine künstliche Quelle in ein kleines Marmorbecken ergießen. Diese Installation versteckt sich jedoch normalerweise hinter großen Spiegeltüren vor dem Betrachter. Hinter weiteren, verspiegelten Flügeltüren in diesem geräumigen Badezimmer verbergen sich ein banales Waschbecken, eine Toilette und eine Putzkammer. Türen zum Verschließen des eigentlichen Badesaals sucht man dagegen vergeblich. Die Wanne, die gemäß verschiedenen Quellen zumindest teilweise aus dem Marmor römischer Ruinen gefertigt sein soll, hat dabei nichts von der lasziven Gelassenheit eines modernen Whirlpools. Mit ihrer steifen Sitzordnung erinnert sie eher an ein mittelalterliches Chorgestühl. Man vermag sich trefflich vorstellen, wie der Hausherr hier beispielsweise mit Paul Klee, André Gide oder Coco Chanel, die allesamt in der Dar Sebastian ein- und ausgingen, Hof hielt. Um das Sitzen auf dem kalten Marmor als angenehm zu empfinden, bedurfte es allerdings schon des mediterran-ariden Klimas Nordafrikas.

Dennoch: Eine treffliche Idee, so eine Konferenzbadewanne. Wirklich zu schade, dass diese charmante Art des Get Togethers jedoch weder im Kultur- noch im Wirtschaftsleben in den vergangenen 80 Jahren auch nur ansatzweise Fuß fassen konnte.

Einige Bilder von Villa und Parkanlage findet man via Google Images. Einen langen und interessanten Artikel über George Sebastian, sein Leben und seine Villa kann man bei An Aesthete’s Lament nachlesen. Die offizielle Webseite des Centre Culturel International de Hammamet unter http://www.darsebastian.com/ wurde längere Zeit nicht mehr aktualisiert und ist inzwischen ganz aus dem Netz verschwunden. Meine eigenen Bilder in diesem Artikel sind leider von schlechter Qualität, sie wurden damals mit einer Canon Digital Ixus der ersten Serie aufgenommen.