Männig

History Repeating?

Eigentlich war es schon 13 Jahre zuvor als Die Schaubühne gegründet worden, das Blatt, das sich nach dem Ersten Weltkrieg auch weiteren kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Themen zuwandte und sich ab 1918 Die Weltbühne nennt. Obwohl die meist wöchentlich erscheinende Zeitschrift auch zu Spitzenzeiten eine Auflage von 15.000 Exemplaren und einen Umfang von 36 Seiten nicht überschreiten kann, entwickelt sie sich zu einer weit beachteten, für ihre kritischen Artikel geschätzten wie gefürchteten Publikation in der Weimarer Republik.

Die Liste der Autoren liest sich heute wie ein Who’s Who der demokratischen und linken Intelligenzija dieser bewegten Jahre: Lion Feuchtwanger, Moritz Heimann, Kurt Hiller, Erich Mühsam, Else Lasker-Schüler, Erich Kästner, Carl von Ossietzky, Alfred Polgar, Kurt Tucholsky, Carl Zuckmayer, Arnold Zweig, nicht zuletzt der Gründer und langjährige Herausgeber Siegfried Jacobsohn und viele, viele mehr. Die anfangs noch in Frakturschrift gesetzte Zeitschrift kann guten Gewissens als Bleiwüste bezeichnet werden: Grafiken oder Fotografien sucht man vergeblich, Anzeigen tauchen nur spärlich und wenn, dann meist aus dem persönlichen Umfeld von Herausgeber und Autoren auf.

Dass der Preis eines einzelnen Hefts von anfänglich 60 Pfennig eines Tages bis auf 350 Milliarden Mark ansteigt, hat freilich nichts mit dem wirtschaftlich problematischen Konzept der Zeitschrift zu tun. Dafür sorgt schon allein die Inflation, die gegen Ende des Jahres 1923 in Deutschland ihren Höhepunkt erreicht. Dafür hat die Redaktion der intern Blättchen genannten Publikation ab der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre zunehmend mit Anwälten und Gerichten zu kämpfen. Denn immer öfter versuchen kritisierte Personen und Organisationen, die engagierten Blattmacher auf dem Rechtsweg mundtot zu machen.

Mit der Vereidigung Adolf Hitlers zum Reichskanzler Ende Januar 1933 wird das Umfeld aber für die Weltbühne schlagartig noch weit schwieriger als je zuvor. Schon einen Monat später werden anlässlich des Reichtagsbrands einige Mitarbeiter, allen voran der Herausgeber Carl von Ossietzky, verhaftet. Die letzte Ausgabe erscheint am 7. März 1933. Eine weitere Ausgabe wird zwar noch gedruckt, kann jedoch nicht mehr ausgeliefert werden. Am 13. März, noch vor dem Inkrafttreten des Ermächtigungsgesetzes, werden die Redaktionsräume von den Behörden durchsucht und versiegelt, das Archiv der Zeitschrift an einen bis heute unbekannten Ort weggeschafft.

Lohnt es sich aber heute noch, eine Zeitschrift zu lesen, die vor über 80 Jahren als tagesaktuelles Produkt erschienen ist? Sicher befinden wir uns heute in keiner Zeit, die analog zu den Verhältnissen der Weimarer Republik steht. Die Voraussetzungen sind andere, die politischen Verhältnisse nur mit höchster Abstraktionsfähigkeit vergleichbar. Parallelen sind dennoch festzustellen: Auch heute befinden wir uns in einer Zeit zunehmender Unsicherheit, was die wirtschaftlichen und politischen Strukturen betrifft. In einer Zeit, in dem sich die Bürger immer weniger von der politischen Kaste vertreten fühlen. In einer Zeit, in der die sozialen Unterschiede und damit auch die sozialen Spannungen zunehmen.

Das Lesen in den alten Ausgaben der Weltbühne, macht nur die Frühgeschichte deutscher Demokratie höchst lebendig, es zeigt dem Leser auch deutlich, wie wenig sich die Kunst des öffentlichen Diskurses in den letzten acht Jahrzehnten doch eigentlich weiterentwickelt hat. Was damals die Weltbühne und zahlreiche kurzlebigere Publikationen unters interessierte Volk brachte, transportiert heute eine große Zahl von internetbasierten Publikationen und Blogs mit großem Engagement und zumeist ohne wirklich wirtschaftlich tragfähiges Konzept zu den Lesern. Es lohnt sich, die alten Hefte der Weltbühne zu lesen und sie mit dem zu vergleichen, was die Jacobsohns, Tucholskys und Ossietzkys von heute schreiben.

Es gibt sie nämlich noch, aber wer sie wirklich sind, wird die Geschichte vermutlich erst in einigen weiteren Jahrzehnten zeigen. Aber so sicher über die Identitäten der Autoren konnte man sich auch schon bei der guten, alten Weltbühne nicht sein: Im Jahr 1929 erschien dieses Verzeichnis, das 69 Mitarbeiter der Zeitschrift auflistet. Aber wie oft wird wohl in dieser Liste allein Kurt Tucholsky genannt?

 

Wie man die Weltbühne lesen kann: Im Jahr 1978 erschien im damaligen Athenäum Verlag ein vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918 bis 1933 in 16 Bänden, der für Freunde des Papiers in der Regel zu Preisen zwischen 50 und 100 Euro in Buchantiquariaten zu haben ist. Wer sich mit dem Lesen auf dem Computer zufrieden gibt, dem kann noch preiswerter geholfen werden: Das Internet Archive bietet alle Ausgaben der Weltbühne als PDF-Dateien kostenlos zum Download an. Die dort ebenfalls angebotenen Text- und E-Book-Formate sind jedoch leider aufgrund ihrer miserablen Qualität praktisch unbrauchbar. Ein erstes Hineinschnuppern in einige Texte erlaubt auch die Weltbühne-Übersichtsseite bei Wikisource.