Männig

Werbung, nachhaltig

Im Frühling 1987 lag er in der Konferenzmappe. Das Montreux Direct Marketing Symposium & Exhibition war damals das jährliche Event-Highlight, auf dem sich alle trafen, die in der Direktmarketing-Branche etwas zu sagen hatten – oder zumindest gern etwas zu sagen gehabt hätten. Und offen gesagt: Es gab auch damals schon weit Schlimmeres als ein paar Frühlingstage am Genfer See. Die Veranstaltung brauchte eigentlich keine Werbung, und entsprechend diskret waren auch die Maßnahmen der Schweizer Veranstalter. Jährlich fand sich in der Konferenzmappe ein Kugelschreiber, auf bereits die Daten des Symposiums des kommenden Jahrs aufgedruckt waren.

Die Idee war klar: Der Kugelschreiber sollte die Besucher ein ganzes Jahr begleiten und an den kommenden Termin erinnern. Und da man sich gern als Teilnehmer des wichtigen Branchentreffens am Genfer See offenbarte, waren die Montreux-Kugelschreiber auch tatsächlich oft im Einsatz. Um die Sache rund zu machen, hatten die Werbeleute auch nicht gespart. Ein regionales Produkt, hergestellt am anderen Ende des Genfer Sees, im nahe Genf gelegenen Thônex, war als Werbegeschenk ausgewählt worden: Der Caran d’Ache 849 in klassischem Blau und mit silbernem Aufdruck.

Caran d'Ache 849

Ja, ich habe meinen ersten Montreux-Kugelschreiber auch gern zur Hand genommen und damals, noch als Student, auch mit einem gewissem Stolz, auch dabei gewesen zu sein. Fast immer war er in meiner Jackentasche, im Aktenkoffer, im Rucksack oder auch nur in der obersten Schublade meines Schreibtischs dabei. Und das nicht nur bis zum 23. bis 29. April 1988, dem aufgedruckten Datum des folgenden Montreux Direct Marketing Symposium & Exhibition.

Auch Jahre später funktionierte er noch, und ich schrieb und schrieb damit. Inzwischen hatte sich die Branche verändert und die Ära des berühmte Symposiums war eher unrühmlich zu Ende gegangen. Irgendwann wollte sich sogar der ganze Wirtschaftszweig nicht mehr Direktmarketing, sondern lieber Dialogmarketing nennen. Und selbst das hörte man bald nicht mehr so gern, sondern wollte sich, ganz dem Trend der Zeit entsprechend, lieber Social Media nennen.

Der blaue Caran d’Ache 849 aber schrieb immer noch. Er schrieb in München, in Moskau, in Singapur, Honolulu, Christchurch und im Silicon Valley. Ein treuer Begleiter. Jedenfalls bis vor zwei Tagen. Am Bahnhof bittet ein Mitreisender um einen Stift, um ein Formular auszufüllen. Ich reiche ihm meinen 849. Ich glaube, ihr Kugelschreiber ist leer!, höre ich nach wenigen Minuten, Haben Sie vielleicht noch einen anderen? Nein, habe ich nicht. Leider.

Nun ist er also leer, der Kugelschreiber, der mich fast 24 Jahre lang begleitet hat. Immerhin, es gibt ihn noch immer zu kaufen, inzwischen als Klassiker vermarktet, mit immer noch der gleichen, dicken Mine, die man auch einzeln nachkaufen kann. Ob er mit neuer Füllung wohl noch einmal fast ein Vierteljahrhundert halten wird? Vermutlich nicht. Als ein schönes Beispiel, dass selbst ein einfaches Werbemittel wahrlich nachhaltig zu wirken vermag, kann mein Caran-d’Ache-Klassiker von 1987 aber ganz sicher auch heute schon gelten.