Männig

Mehrwert

Der Mehrwert, so weiß Karl Marx in seinem Kapital zu berichten, ist ein während des Produktionsprozesses vom Arbeiter neugeschaffner Wert – festgeronnene Arbeit. Nur kostet er dem Eigner des ganzen Produkts, dem Kapitalisten, nichts. Diese Beschreibung der systematischen Ausbeutung der Arbeiterklasse ist nicht nur grammatikalisch eigenwillig, sondern hat auch mit der heute gängigen Verwendung des Begriffs Mehrwert nur wenig zu tun.

Da wäre zum einen die Mehrwertsteuer zu nennen. Mit dieser besteuert der Staat nämlich keinesfalls das, was der Kapitalist dem Arbeiter nicht zu zahlen bereit ist, sondern die Wertschöpfung. Diese besteht aus den wirtschaftlichen Werten, die in einem Unternehmen in einem festgelegten Zeitraum geschaffen werden. Wie jeder Betriebs- oder Volkswirt auswendig hersagen kann, errechnet sich die Wertschöpfung aus dem Produktionswert, von dem alle Vorleistungen, Abschreibungen und indirekten Steuern abgezogen werden, jedoch zuzüŸglich eventueller Subventionen.

Eine andere Bedeutung hat der Begriff Mehrwert im Marketing. Im Rahmen einer Mehrwertstrategie versucht man hier, dem Kunden einen greif- und messbaren zusätzlichen Wert zu bieten, der ihm auf irgendeine Art und Weise konkret dienlich ist. So werden beispielsweise Produkte oder Dienstleistungen mit einem Zusatznutzen ausgestattet, um sie für den Verbraucher begehrlicher erscheinen zu lassen. Auch für den Anbieter ist diese Strategie natürlich nicht ohne Nutzen: Statt sein Produkt durch preiswertes Anbieten am Markt zu positionieren, hilft die aus dem Mehrwert resultierende höhere Nachfrage, die Preise konstant zu halten oder gar eine Uptrading-Strategie mit steigenden Margen durchzusetzen.

Die herausragende Mehrwertstrategie auf den Business-to-Consumer-Märkten haben uns in den vergangenen Jahren die Hersteller von Socken vorgeführt. Diese schafften es nämlich jüngst immer wieder, ihr schon den alten Römern als soccus bekanntes Produkt, dessen Herstellung über Jahrhunderte zur normalen Hausarbeit gehörte, mit nie da gewesenen Innovationen auszustatten. Kein Wunder, dass man in diesem Bereich Bedarf sah, hatte man doch entdeckt, dass es sich bei Sockenträgern um polyglotte Weltenbummler, eigensinnige Individualisten, neugierige Entdecker, fanatische Perfektionisten, feinfühlige Kreative und unverbesserliche Schöngeister handelt. So zumindest sieht die Marketingabteilung von Deutschlands vermutlich bekanntestem Sockenstricker Falke aus dem Sauerland seine Klientel, nachzulesen auf dessen Webseite.

Da Individualisten, Kreative und Schöngeister offenbar nicht eben mit einem guten Orientierungssinn ausgestattet sind, wurden also schon vor einiger Zeit Socken plötzlich mit einem L und einem R ausgestattet, auf dass der geneigte Sockenträger erkennen möge, bei welchem es sich um den linken und bei welchem es sich um den rechten Socken handle. Freilich waren Socken bis zu diesem Zeitpunkt fast durchgängig symmetrische Produkte gewesen, so dass es eigentlich völlig gleich war, welchen Strumpf man an welchem Fuß trug.

Deshalb wurde nun eilig auch ein vorgebliches Fußbett in die Socken eingearbeitet, das allerdings bis zu jenem Zeitpunkt noch nie jemand vermisst hatte und dessen Existenz auch in der Regel schon nach wenigen Wäschen in der Waschmaschine nicht mehr nachzuweisen ist. Dennoch bleibt ein Vorteil, den die polyglotten, feinfühligen Perfektionisten, die Socken tragen, sicherlich sehr zu schätzen wissen: Übermannt den fanatischen Individualisten oder eigensinnigen Schöngeist nämlich eine überraschende Rechts-Links-Schwäche, dann genügt es, dass er sich einfach die Schuhe auszieht, und schon kann er sich dank der kleinen Buchstaben auf den eigenen Strümpfen wieder problemlos orientieren.

Doch jüngst haben die um Mehrwert bemühten, kreativen Anbieter von Fuß-Unterbekleidung noch eins draufgesetzt: Seit Neuestem finden sich Socken im Handel, auf denen nicht nur das mittlerweile bekannte R und L, sondern auch noch die Farbe des Strumpfs in Klarschrift prangt. Schwarz, so ist beispielsweise, wenig verwunderlich, auf einer schwarzen Socke zu lesen und grau, fast ebenso plausibel, auf einer grauen. Und klar, dass sich diese praktische Angabe jeweils auf der linken und rechten Socke befindet.

Endlich erkennt der geneigte Sockenfreund auf den ersten Blick in seinen Wäscheschrank, um welche Farbe es sich handelt, ein Unterfangen, das noch vor kurzem undenkbar war. Wie lange stand man früher stets vor der offenen Schublade und grübelte, welches denn nun ein weißes und welches ein schwarzes Strumpfpaar sein könnte! Wie viele Termine verpasste wohl ein normaler Sockenträger in seinem Leben, weil er sich im Zweifel, welche Socke den grün und welche blau sein könnte, schließlich gar nicht entscheiden konnte?

Unser ewiger Dank geht an die Sockenhersteller, die uns mit ihren in die Strümpfe gewebten Farbnamen endlich von jeglicher Unsicherheit befreien. Unser Leben wird durch dem Mehrwert, nun klar und eindeutig schwarz, rot oder grau auf jeder Socke lesen zu können, ein wenig schöner, sicherer, ja schlicht besser werden. Und es ist mehr als selbstverständlich, dass wir nur allzu gern bereit sind, für derart luxuriös mit Farbbezeichnungen ausgestattete Socken drei, vier oder fünf Euro mehr auszugeben.

Danke! Danke! Danke!