Männig

ISO 26000: Ethik für das dritte Jahrtausend

Vermutlich seit Beginn der Menschheit haben die Menschen ethische Fragen umgetrieben. Den Begriff Ethik in seiner heutigen Bedeutung prägt jedoch erst Aristoteles um das Jahr 350 vor Christus. Ziel eines jeden Menschen sei es, so Aristoteles, Glückseligkeit zu erreichen. Dies könne allerdings nur dadurch geschehen, dass der Mensch in seinen Handlungen jeweils die Mitte zwischen den zur Verfügung stehenden Extremen treffe.

Zwischen den Eckpunkten Verschwendung und Geiz soll ein Individuum demnach das Ideal der Großzügigkeit finden, zwischen Wollust und Stumpfheit das Ziel der Selbstbeherrschung verfolgen und zwischen Schmeichelei und Streitsucht dem Leitbild der Freundlichkeit nacheifern. Die Mitte zwischen den Extremen, bei Aristoteles Mesotes genannt, ist dabei nicht das arithmetische Mittel oder ein festgelegter Punkt, sondern ein Wert, den jeder Mensch individuell erfahren, sich erarbeiten muss.

2000 Jahre später. Das Mittelalter ist vorübergegangen, und der Geist der Aufklärung weht zumindest in den Studierstuben durch die Reformation geprägter Landstriche. Im preußischen Königsberg erweitert ein gewisser Immanuel Kant die aristotelische Methode ethischer Wahrheitsfindung. Nicht nur sich selbst sei der Mensch bei der Findung seiner Werte verantwortlich, nein, es könnten, so Kant, nur Regeln für ein Individuum gelten, die auch gleichzeitig für alle anderen Menschen gültig sein könnten:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Aber schon etwa 100 Jahre später, gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, zeigt sich, dass so viel Philantropie auch ihre Haken hat. Mittlerweile hat das Zeitalter der Industrialisierung Einzug gehalten. Eine neue Bevölkerungsgruppe ist entstanden, die Arbeiterschaft, die in Anlehnung an die Schicht der Landlosen und Lohnabhängigen im alten Rom auch Proletariat genannt wird. Würde man nun als industrieller Unternehmer seinen Arbeitern die gleichen Rechte einräumen wollen wie sich selbst, dann könnte das ganze industrielle System gar nicht funktionieren, so stellt man bald fest.

Folglich muss eine neue Lösung her, die es Unternehmern erlaubt, persönlich nach ethischen Prinzipien zu handeln, die aber dennoch unethische Handlungsweisen im unternehmerischen Rahmen zulässt. Mit dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetz-Buchs am 1. Januar 1900 wird schließlich das merkwürdige Konstrukt der juristischen Personen geschaffen. Im Laufe der folgenden Jahre erhalten Unternehmensformen wie Aktiengesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Kommanditgesellschaften, aber auch eingetragene Vereine den Status juristischer Personen.

Der Vorteil: Wie natürliche Personen verfügen juristische über umfangreiche Rechte, müssen sich aber nur sehr beschränkt einer Ethik unterwerfen, da es sich schließlich nicht um vernunftbegabte Wesen, sondern lediglich um ein rechtliches Konstrukt handelt. In der Praxis kann nun ein Unternehmer durchaus ein Wohltäter oder gar guter Christ sein, eine Aktiengesellschaft in seinem Besitz allerdings durchaus ihre Arbeiter im Rahmen recht liberaler gesetzlicher Möglichkeiten ausbeuten. Und laufen die Geschäfte schlecht, dann kann zwar das Unternehmen sein Geld verlieren, der Unternehmer jedoch nur sehr beschränkt.

Wiederum mehr als 100 Jahre später. Die Fronten zwischen Unternehmern auf der einen und Arbeitern auf der anderen Seite zeigen sich ab dem Ende des 20. Jahrhunderts nur noch sehr unklar. Spätestens seit den Verheißungen der New Economy gehört es auch für Arbeitnehmer zum guten Ton, Aktien zu besitzen und damit quasi durch die Hintertür unternehmerisch tätig zu sein und entsprechende Interessen zu vertreten. Durch die breite Streuung der Aktien und den aktiven Handel damit an internationalen Börsen hat sich auch der Fokus des Managements von Aktiengesellschaften verändert. Nicht mehr die angebotenen Produkte oder Dienstleistungen stehen im Vordergrund, sondern – ganz im Sinne der Shareholder – der Corporate Value, der sich in Aktienkursen und Dividenden ausdrückt.

Diese immer deutlicher werden Gewinnerzielungsabsicht fordert ihre Opfer. Mit der Orientierung auf die Shareholder werden die bisherigen Kunden, die Produktion und das operative Geschäft zunehmend eher als lästige Pflicht gesehen, ohne die es eben leider immer noch nicht geht. Arbeitnehmer und Lieferanten werden, mehr noch als zuvor, nicht als Partner, sondern zunehmend als lästige Kostenfaktoren behandelt und soweit irgend möglich in ihre Schranken gewiesen. Gleichzeitig ein sorgt massiver, internationaler Lobbyismus der großen Konzerne dafür, dass die Politik ein wirtschaftsfreundliches Umfeld schafft, in dem die Unternehmen weitgehend nach Gutdünken agieren können.

Es dauert jedoch nicht allzu lange, bis sich eine neue außerparlamentarische Opposition in Form von Organisationen und Einzelpersonen bildet, die ein allzu unethisches Verhalten der mächtigen Konzerne öffentlich und deutlich kritisiert. Das Internet hat in der Zwischenzeit eine Plattform geschaffen, die die Veröffentlichung von Meinungen – auch abseits des politisch und wirtschaftlich gewünschten Mainstreams – mit geringem Aufwand und niedrigen Kosten ermöglicht. Und nachdem die kritischen Stimmen lauter werden und selbst etablierte Medien zunehmend distanzierter über große Unternehmen berichten, muss etwas getan werden.

Unterstützt von den geistigen Zulieferern aus Marketing, Markt- und Trendforschung wird ein neues, mächtiges Schlagwort aus dem Hut gezaubert: Corporate Social Responsibility. Passend dazu wird gleich noch eine passende Zielgruppe mit Namen LOHAS aus der Taufe gehoben, die praktischerweise ihre kritische Einstellung durch noch intensiveren Konsum ausdrücken soll. Die Corporate Social Responsibility, kurz CSR, kommt als ethischer Codex für Unternehmen daher, doch schaut man hinter die Fassaden, dann verändert sie bestenfalls die Kommunikation der Unternehmen, indem dort vermehrt mit wohlklingenden Schlagworten hantiert wird, die man aus der bisherigen Terminologie der Kritiker übernommen hat.

Parallel dazu schwadroniert man noch von einer neuen Transparenz der Wirtschaftsorganisationen, die sich aber bei genauerer Betrachtung auch wieder nur als gezieltes Platzieren ausgewählter, ausschließlich positiver Informationsbröckchen erweist. Die Abteilungen für Public Relations und Social Media, letzteres offenbar der Garant für Glaubwürdigkeit im beginnenden dritten Jahrtausend, leisten gute Arbeit. Dennoch man will lieber ganz sicher gehen, und beschließt daher, die neue Ethik der Unternehmen in eherne Worte zu gießen. Schließlich ist es durch wohlformulierte Selbstverpflichtungen bislang noch fast immer gelungen, den Staat von wirksamen regulativen Maßnahmen abzuhalten.

Das Projekt wird in die Hände der International Standards Organization, kurz ISO mit Sitz in Genf gelegt. Dieses internationale Institut ist die Dachorganisation der Normungsorganisationen aus inzwischen 150 Staaten. Normungsorganisationen, das sind Zusammenschlüsse von Wirtschaftsunternehmen, die ab Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Ziel entstanden sind, die Industrialisierung durch gemeinsame Standards bestimmter Unternehmensgruppen weiter voranzutreiben. Nun wird also auch die moderne Ethik in die Hände der ISO gelegt, um selbstverständlich an die Traditionen von Aristoteles und Kant anzuknüpfen und ganz Großes zu schaffen.

Am 1. November 2010 ist es schließlich soweit: Die ISO 26000 – Guidance on Social Responsibility wird der Öffentlichkeit vorgestellt. Doch halt: Der Öffentlichkeit? Weit gefehlt. Denn bei der den neuen Ethikrichtlinen, die weltweite Gültigkeit haben sollen, handelt es sich um ein streng urheberrechtlich geschütztes Werk. Verteilung, Verleih und Vervielfältigung sind streng verboten. Wer sich ethisch fortbilden möchte, der kann die Norm allerdings kaufen: Für 192 Schweizer Franken in englischer oder französischer Sprache, direkt bei der ISO. Die deutsche Version, erhältlich beim Beuth-Verlag, dem exklusiven Vertriebspartner des Deutschen Instituts für Normung, schlägt mit ganzen 204 Euro und 10 Cent zu Buche.

Stolz berichtet die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) direkt unter dem Bestellformular des Beuth-Verlags, dass sie bei der Erstellung der Ethiknorm maßgeblich mitgewirkt hat. Doch auch für die verbandseigene PR-Mitteilung mit dem Titel Die zukünftige Internationale Norm ISO 26000 – Aus Sicht der Arbeitgeber sind immerhin ganze acht Euro zu entrichten. So werden ethische Werte, deren Entwicklung ehedem eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft war, zum proprietären Wissen der Wirtschaftsverbände, vor das eine Zahlschranke nicht unbeachtlicher Höhe gesetzt ist.

Immerhin, der Beuth-Verlag lässt den Hobbyphilosophen kostenlos Einblick ins Inhaltsverzeichnis des 110-Seiten-Werks nehmen. Was dort zu lesen ist, sorgt zunächst einmal nicht für große Überraschungen. Die Achtung der Rechtsstaatlichkeit (Punkt 4.6) möchten sich die Unternehmer des beginnenden dritten Jahrtausends beispielsweise selbst auferlegen und daneben, fast ebenso beeindruckend, die Achtung der Menschenrechte (Punkt 4.8). War es nicht ehedem eine Selbstverständlichkeit, sich an Recht und Gesetz zu halten? Konkreter wird es da schon bei Punkt 7.6 der Norm. Der beschäftigt sich nämlich mit dem Thema Verbessern der Glaubwürdigkeit in Bezug auf gesellschaftliche Verantwortung und dürfte damit die eigentliche Intention des ganzen Werks thematisieren: Wie verkaufe ich der Öffentlichkeit unternehmerische Selbstverständlichkeiten als außergewöhnliche Leistung.

Kein Wunder also, dass nicht alle mit den neuen ethischen Selbstverpflichtungen der Unternehmen in aller Welt zufrieden sind. In vielen Fällen liegt das Niveau der ISO 26000 unterhalb der in Europa geltenden Gesetze, bemängelt beispielsweise Petra Kreinecker vom österreichischen Netzwerk Soziale Verantwortung, und weiter: So können Unternehmen weiterhin den Umfang gesellschaftlicher Verantwortung nach dem Motto pick and choose selbst definieren. Auf der anderen Seite bescheinigt der Internationale Arbeitgeberverband IEO der Norm übermäßig detailliert, unnötig komplex und viel zu lang und zu schwierig zu lesen zu sein. Auch wenn es sich nur um eine optionale Selbstverpflichtung handelt, hätten die Arbeitgeber gern noch weniger davon gehabt.

Da erscheint es fast als Segen, dass sich die International Standards Organization in letzter Minute entschlossen hat, ihren Ethikstandard mit dem Etikett Not For Certification zu versehen. Dies bedeutet nichts anderes, als dass die Vorgaben des Norm nicht in Managementsysteme von Unternehmen Einzug halten, sondern lediglich als eher unverbindliche Leitlinien verstanden werden sollen. Denn zu viel Ethik in der Unternehmensführung, das könnte ja schließlich die Geschäfte schwieriger oder gar teurer machen, was es natürlich in jedem Fall zu vermeiden gilt.

Was bleibt, ist ein schaler Eindruck vom Wandel ethischer Werte und der Art, wie sie definiert werden. In der Antike haben Philosophen wie Aristoteles lediglich Methoden und Eckwerte vorgegeben, innerhalb derer jeder einzelne selbstbestimmt das eigene Wahr und Falsch finden sollte. Gute zweieinhalb tausend Jahre später beschließen Unternehmensverbände einen allgemein gültigen Verhaltenskodex, den man nur gegen Zahlung nicht unerheblicher Geldbeträge einsehen darf. Und wirklich verbindlich ist er freilich auch nicht. Aber er sicher vermag er in der immer bedeutender gewordenen Welt von Marketing, Werbung und PR seine Früchte zu tragen. Und das ist es ja schließlich, auf was es ankommt.
 

Tipps zum Weiterlesen und Selbstvergleichen:
– Aristoteles: Nikomachische Ethik
– Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft
– ISO 26000 – Guidance On Social Responsibility (umfangreichere Inhaltsangabe)