Männig

Brooks

Irgendwann um das Jahr 1990 herum war ich auf der Suche nach einem wirklich guten Fahrradsattel. Gar nicht weit von meiner Münchner Wohnung hatte gerade ein neuer Radladen eröffnet, dessen Inhaber sich ob seiner Kompetenz bald den Status des Fahrradhändlers meines geringsten Misstrauens erarbeiten konnte. Alles, was in seine Ladenregale kam, musste jedoch insbesondere eines sein: Edel. Auf meine Frage, was denn ein passender Nachfolger für meinen langjährigen Lieblingssattel wäre, starrte er mich nur verwundert an. Brooks, brach es schließlich aus ihm hervor, Ein Brooks, da gibt es doch gar keine Alternative!

Keine Alternative? Dann war die Sache ja einfach. Nach kurzer Klärung der Details ging ich also mit meinem ersten, sündteuren B17 aus dem Laden. Und bereits nach drei- bis viertausend Kilometern war das Ding sogar soweit eingesessen, dass es einigermaßen bequem war. Aber ohne die ordnungsgemäße Pflege wäre es natürlich nie so weit gekommen: Das gute Stück musste mit teurem Spezialfett von oben und unten gepflegt werden und zum regelmäßigen Nachspannen musste ein Spezialschlüssel in wundersamem Zollformat im Fachhandel erstanden werden.

Und besonders wichtig: Natürlich durfte das gute Stück niemals ein Tröpfchen Wasser abbekommen. Eine echte Herausforderung, wie sich schon nach kurzer Zeit zeigte. Zumindest eine spannende Aufgabe, wenn man ein Fahrrad täglich fährt und auch bei Regen nicht auf Auto oder S-Bahn umsteigen möchte. Eine banale Plastiktüte mochte man über die Krönung britischer Sattlerkunst freilich nicht ziehen. Man griff also zum ebenfalls von Brooks erhältlichen Original-Regenüberzug, der freilich aus vulgärem Plastik gefertigt ist.

Die Freude an dieser ebenfalls nicht gerade günstigen Anschaffung währte indes nicht lange. Bereits nach dem dritten Regenguss fand ich ein Fahrrad ohne Sattelüberzug, dafür aber mit völlig durchgeweichtem Kernleder-Sattel vor. Offenbar hatte den feinen Sattelüberzug auch jemand anderes gut brauchen können. Dass überhaupt nicht daran zu denken war, so nach Hause zu fahren, war mir sofort klar. Schließlich würde sich das teure Leder im nassen Zustand verformen und nie wieder so wie früher sein. Ich schob also das Fahrrad einige Kilometer heim und wartete geduldig einige Tage, bis der Sattel wieder getrocknet und benutzbar war.

Ab sofort behalf ich mich zwecks Regenschutz des guten Brooks mit weniger exquisiten Duschhauben, die ich aus den Badezimmern von Hotels entwendete, in denen ich auf Geschäftsreisen nächtigte. Diese hatten offenbar einen deutlich geringeren Prestigewert als der Original-Brooks-Überzieher. Entwendet wurden sie nämlich nie. Dennoch hielten sie niemals mehr als einige Tage. Denn Fachleute wissen: Es ist gar nicht daran zu denken, einen Brooks bei Regen unverpackt zu fahren. Nein, es genügt nicht, das gute Stück beim geparkten Fahrrad abzudecken, auch und gerade bei der Fahrt darf niemals auch nur ein Tröpfchen das Heiligtum berühren. Und das übersteht eine Plastikfolie zwischen Sattel und Hosenboden eben nicht lange.

Irgendwann schien ich in allen regelmäßig frequentierten Hotels bekannt zu sein und fand daher fast nirgendwo mehr die geschätzten Duschhauben vor. In meiner Verzweiflung beschaffte ich mir Großpackungen von Polyethylen-Überziehschuhen, wie sie in Reinräumen Verwendung finden. Ein paar davon unter den Sattel geknüllt, waren sie stets zum Schutz des teuren Brooks verfügbar – wenn sie nicht Fahrtwind und rauer Fahrbahnbelag gerade wieder einmal in den Straßengraben befördert hatten.

Auf den ersten Brooks folgte ein weiterer, denn die glorreichen Worte des Fahrradhändlers klangen mir noch immer in den Ohren. Welche Alternative zum Spitzenprodukt aus England sollte es schon geben? Und konditioniert war man schließlich schon längst: Es galt, dem edlen Produkt zu huldigen, es stets zu salben und zu verehren. Der vorsichtige Blick zum Himmel, später die Anschaffung einer Regenradar-App fürs Smartphone – reine Selbstverständlichkeiten für einen Menschen, der die Ehre haben durfte, einen echten Brooks zu nutzen.

Doch auch bei aller Pflege, gewissenhaftem Fetten und vorsichtigstem Nachspannen ließ sich eines nicht vermeiden: Im Laufe der Zeit dehnte sich das Leder. Dafür sorgten schon die ständige Belastung durch das mäandernde Körpergewicht des Fahrers und der stetige Wechsel der Luftfeuchtigkeit. Wird aber das gute Kernleder länger, dann wird es auch gleichzeitig dünner. Und ehe man sich’s versieht, hatten die nun aus der Lederoberfläche herausragenden Nietenköpfe die erste Hose demoliert. Da half dann jedes Mal nur zunftgerechte Sattlerarbeit und ein Flecken auf das Hinterteil der Hose – oder gleich eine neue Hose.

Vor einigen Wochen schließlich war, aller hingebungsvollen Pflege und allen aufwändigen Reparaturen zum Trotz, das Ende meines letzten Brooks-Sattel gekommen. Denn das Ende der Spannschrauben für den Lederbezug bedeutet letztlich leider auch immer das final farewell für das gesamte britische Qualitätsprodukt. Aber irgendwie scheute ich mich diesmal, wieder mindestens 85 Euro an die notleidende britische Wirtschaft zu überweisen. Ich schaute mich also erstmals nach über 20 Jahren nach Alternativen um …

… und landete nach kurzer Information bei einem preiswerten Modell des italienischen Herstellers Selle Royale. Metallrahmen. Mit einem Überzug aus, man traut es sich eigentlich nur leise zu sagen, Plastik. Schnell montiert und von der ersten Minute an bequem. Auf den elitären, langjährig lieb gewonnenen Nimbus der Generation Manufactum muss man freilich verzichten. Dafür fährt man damit einfach los und vergisst binnen weniger Tage, dass man so etwas wie einen Fahrradsattel überhaupt hat. Ein Wolkenbruch? Einmal mit der Hand darübergewischt, und los geht die Fahrt. Und plötzlich parkt man auch wieder sorgenfrei überall in der Stadt. Denn wer soll schon einen italienischen Kunststoffsattel entwenden wollen?

Die Fahrfreude ist indes nicht geringer. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass auch das Produkt aus dem europäischen Süden 10 Jahre zu je drei- bis fünftausend Kilometern überstehen wird. Aber bis dahin ist es schlicht vergessen, und sein Besitzer tut statt regelmäßiger Pflege und Wartung seines Sattels schlicht das, was er am liebsten tut: Fahrradfahren.

Ein Plastiksattel auf dem Fahrrad. Es gibt sie noch, die praktischen Dinge.

Ergänzung am 9. März 2013

Gestern stand es dann vor der Haustür: Ein Fahrrad mit Brooks-Sattel, dem sein Eigentümer offenbar schon über längere Zeit hinweg nicht die adäquate, regelmäßige Pflege angedeihen lassen wollte: