Männig

1 % Inspiration

Spätestens, seit bekannt ist, dass man mit Gummibeerchensaft, der Flügel verleiht, steinreich werden kann, weiß man auch, dass die Österreicher weltweit führend im Bereich der Getränkeinnovationen sind. Klar, dass da alles mithalten will, was Rang und Namen hat. So zum Beispiel die Coca-Cola HBC, die zu diesem Zweck vor zehn Jahren in der Alpenrepublik den Wasserabfüllbetrieb Römerquelle übernommen hat. Unter dieser Dachmarke bringt Coca-Cola heute eine ganze Reihe geschmacklich eingefärbter Mineralwässer in 0,5-Liter-Plastikfläschchen auf den Markt, die unter dem Label emotion firmieren.

Gestern bekam ich die Sorte Brombeere-Limette in die Hand und war überrascht: Das Zeug schmeckte gar nicht so schlecht. Verwunderung kommt allerdings auf, wenn man sich die Aufschriften des Flaschenetiketts etwas genauer zu Gemüte führt. Natürlich 100 % Geschmack prangt da auf der Vorderseite und besonders beeindruckend: Inspiriert den Geist. Wie das bewerkstelligt werden soll oder wie das eine aus dem anderen folgt, das erfährt man auf der Rückseite:

Die schöne süß-fruchtige Brombeere war bereits zu Hippokrates Zeiten bekannt. Kombiniert mit der erfrischenden Limette sorgt sie für einen köstlichen Geschmack und inspiriert den Geist.

Dass man Brombeeren bereits um 400 v. Chr. kannte, als Hippokrates lebte, ist sicherlich nicht falsch. Was aber genau hat Hippokrates jetzt mit der Brombeere zu tun? Hierzu hat sich schon im Jahr 1824 der Heidelberger Medizinprofessor Dr. Johann Heinrich Dierbach Gedanken gemacht. Er analysierte die überlieferten Schriften des Hippokrates erstmals systematisch und schreibt in seinem Werk Die Arzneimittel des Hippokrates oder Versuch einer systematischen Aufzählung der in allen hippokratischen Aufzeichnungen vorkommenden Medikamenten:

In den meisten Ländern Europas wachsen mehrere Brombeer-Arten, wovon die gemeinste die große schwarze [Rubus fruticosus L.] ist, die man gewöhnlich versteht, wenn man von Brombeeren ohne weiteren Zusatz spricht. Die Früchte scheinen als Speise von den Griechen wenig geachtet worden zu seyn, indem in diätetischer Hinsicht im Ganzen sehr wenig und in den hippokratischen Büchern gar nichts von ihnen vorkommt.

Fehlanzeige also, was den Zusammenhang zwischen Hippokrates und der Brombeere betrifft. Aber zu erwähnen, dass die Frucht schon zu Zeiten Hippokrates’ bekannt war, klingt immerhin besser, als wenn man schriebe, dass die Brombeere schon zu Zeiten Neros, Vlad Draculas oder Hitlers bekannt war. All dies ist zwar genauso wahr, hat aber längst nicht einen so schönen Gesundheits-Unterton, als wenn man den in diesem Fall völlig an den Haaren herbeigezogenen Hippokrates erwähnt. Weiter also auf der Rückseite des Getränks in der PET-Flasche, das den Geist inspiriert. Wir lesen:

Zutaten: Natürliches Mineralwasser, Fruktosesirup, Brombeersaft aus entfärbtem Brombeersaftkonzentrat (1%), Limettensaft aus Limettensaftkonzentrat (1%), Kohlensäure, Säuerungsmittel Zitronensäure, natürliches Aroma.

Die inspirierende Brombeere ist also in diesem Getränk zu einem ganzen Hundertstel des Gesamtinhalts vorhanden. Dies noch dazu in einer Form, die nur noch im entferntesten an das Ursprungsprodukt erinnert: Gepresst, eingedickt, entfärbt und schließlich wieder mit Wasser verdünnt. Was also bleibt, ist ein ganzes Prozent der geistigen Inspiration, die dem Käufer auf der Verpackung versprochen wird – das allerdings auch nur dann, wenn man an dieses frei erfundene Versprechen des Coca-Cola-Römerquelle-Werbetexters glauben mag.

Es steht zu vermuten, dass die Werbeagentur des Getränkeherstellers ihre geistige Inspiration selbst aus diesem Getränk bezieht.

Headerbild von Amada44 via Wikimedia Commons, Lizenz CC BY.