Il meglio è l’inimico del bene. Das Bessere ist der Feind des Guten, so behauptet ein altes italienisches Sprichwort. Manchmal erhalten aber auch Dinge ihren Reiz schlicht dadurch, dass andere, einst geliebte Sachen schlechter geworden sind. So hat es zum Beispiel der Bookmarking- und Später-Lesen-Dienst Instapaper seinen Nutzern jüngst weit einfacher gemacht, sich nach Alternativen umzusehen. Die webbasierte Plattform, bis vor kurzem schlicht und pragmatisch, durchdacht, bestmöglich vernetzt und durch Plugins obendrein schnell und funktionell, hat sich nämlich nach ihrem Verkauf an die Venture-Capital-Schmiede Betaworks nicht eben zum Besten gewandelt.

Nachdem die Nutzer zunächst unter vielen, durch einen langwierigen Serverumzug bedingten Ausfallzeiten zu leiden hatten, präsentiert sich die Instapaper-Webseite seit August in einem neuen Gewand. Zugegeben, das Design wirkt schicker und aktueller, was aber auf der Strecke geblieben zu sein scheint, ist die ehemals Maßstäbe setzende Funktionalität. Die Folderstrukturen, die in den ersten Betaversionen noch in der linken Spalte gut aufgehoben waren, mussten in eine weitere, neue Spalte rutschen, um Platz für mehr Werbung zu schaffen. Zu dem schon bisher gewohnten Tracking durch Google Analytics hat sich nun auch noch das von ChartBeat und – da Webfonts eingesetzt werden – das von Adobe gesellt. Der bewährte Indikator für die Länge und den Lesefortschritt der einzelnen Artikel in Form einer Punktleiste ist einer weit weniger aussagekräftigen Anzeige der geschätzten Lesezeit gewichen. Was aber die Handhabung der Webseite des Dienstes besonders beeinträchtigt, ist, dass seit dem Redesign das unverzichtbare Browser-Plugin Instapaper Beyond nicht mehr funktionieren will.

Dieses Tool hatte es erlaubt, rein tastaturbasiert durch die Leseliste zu navigieren, Artikel zu bewegen, abzulegen und die vollständigen Textinhalte per Ajax-Anwendung elegant und schnell im Browser zu laden. Jetzt ist man auf Maus oder Trackpad angewiesen, was insbesondere deshalb mühsam ist, weil einige der ständig benötigten Links oder Buttons erst beim Mouseover erscheinen, um das schicke, neue Weblayout nicht zu stören. Immerhin beherrscht es Instapaper inzwischen wieder, auch mehrseitige Artikel komplett zu parsen, eine Fähigkeit, die dem Onlinedienst nach seiner Neugestaltung zunächst ebenfalls abhanden gekommen war. So oder so: Das Arbeiten mit Instapaper erfordert durch die Neuerungen ein Maß an Leidensfähigkeit, das es einem leicht macht, sich nach Jahren der Treue schließlich doch nach Alternativen für die Zwischenlagerung der eigenen Lesetexte umzusehen. Pocket und Readability, die beiden direkten und bekannten Konkurrenten im Feld der Save-And-Read-Later-Services, hatte ich schon vor einiger Zeit ausprobiert. Mit beiden war ich nicht so recht warm geworden.

dotdotdot, ein erst in diesem Jahr an den Start gegangener Dienstleister aus Berlin, konnte mich ebenfalls nicht recht überzeugen. Die Funktionen für das Zwischenspeichern und spätere Lesen liefern zwar im Allgemeinen das Erwartete, jedoch findet sich der Nutzer von dotdotdot auf der Webseite umgehend in einer Social-Media-Hölle wieder. Jede einzelne seiner Aktionen wird in eine öffentliche Timeline eingetragen. Kaum hat man einen Text oder Artikel in seine Leseliste aufgenommen oder zu lesen begonnen hat, ist dies auch schon für alle anderen Nutzer einsehbar. Einschränken lässt sich das vom Betreiber vorgegebene Maß der Öffentlichkeit durch den Nutzer nicht.

Die Zahl der dotdotdot-Nutzer bewegt sich freilich in einem sehr überschaubaren Rahmen. So sind selbst User, die einem zum Folgen empfohlen werden, schon seit Monaten inaktiv oder haben den Dienst überhaupt noch nie aktiv genutzt. Und selbst der Geschäftsführer der dotdotdot GmbH scheint von seinem Service nicht mehr allzu überzeugt zu sein. Im Testzeitraum lag seine letzte Aktivität auf der Plattform bereits über einen Monat zurück. Eine Hilfefunktion oder FAQ sucht man bei dotdotdot vergebens, und E-Mail-Anfragen an die Support-Hotline verhallen zunächst einmal unbeantwortet. Der Bitte um die Löschung meines Accounts wurde jedoch nach zwei Wochen Wartezeit schließlich doch nachgekommen.

Nächster Versuch: Poche. Das Projekt des französischen Entwicklers Nicolas Lœuillet kommt als das genaue Gegenteil von dotdotdot daher. Es kann auf dem eigenen Server oder im eigenen dynamischen Webspace installiert werden und kann damit im besten Sinne als antisocial bezeichnet werden. Keiner liest mit oder wertet Daten oder Leseverhalten aus, und obendrein wird dem Nutzer der Code von Poche gemäß der mehr als liberalen WTFPL-Lizenz überlassen. Wer nicht selbst über entsprechende Möglichkeiten verfügt, kann das Tool aber auch direkt beim Entwickler hosten lassen. Nach der problemlosen Installation bietet Poche ein schlichtes Erscheinungsbild, funktioniert jedoch bis auf kleinere Einschränkungen klaglos. Zu diesen kleinen Mängeln zählt in erster Linie ein Parser, der die Inhalte von Webseiten bislang noch nicht in allen Fällen in perfekter Form zu laden vermag.

Ebenfalls noch optimierbar sind die winzigen Buttons bei der mobilen Darstellung von Poche. Und auf diese sind zumindest iPhone-Benutzer angewiesen, denn anders als für Android und Windows Phone, steht für iOS noch keine App zur Verfügung. Doch die gestalterischen Defizite lassen sich mit etwas Eigenarbeit umgehen, erlaubt doch Poche den Einsatz eigener Themes, die designorientierte Nutzer mit elementaren CSS-Kenntnissen relativ leicht erstellen können. Daneben sind bereits Plugins für Chrome und Firefox erhältlich, die das Handling vereinfachen. Dies ist auch sinnvoll, denn in den Apps anderer Anbieter sucht man die Übergabepunkte zu dieser jungen Read-Later-Plattform bislang noch fast durchweg vergeblich. Insgesamt ist Poche ein Projekt, dass es sich ganz sicher weiterhin zu beobachten lohnt.

Von der dauerhaften Nutzung der an sich begrüßenswerten, selbst gehosteten Lösung habe ich schließlich aber doch einstweilen wieder Abstand genommen. Grund dafür war, dass ich mit Pinboard schon seit einiger Zeit einen Bookmarking-Service nutze, der die Möglichkeiten zum Zwischenspeichern von Links zum späteren Lesen ohnehin schon mitbringt. Das Geschäftskonzept von Pinboard ist sympathisch: Der Entwickler und Betreiber Maciej Cegłowski verlangt für die Nutzung des Dienstes eine Einmalgebühr, die mit zunehmender Zahl der Nutzer allmählich ansteigt. Derzeit liegt diese Gebühr bei 10,23 US-Dollar. Als aufpreispflichtiges Extra besteht die Möglichkeit, eine Kopie der Webseiten hinter allen gespeicherten Lesezeichen direkt auf der Plattform abzulegen. Hierfür werden bei Bedarf weitere 25 Dollar pro Jahr fällig.

Die Benutzeroberfläche des Webdienstes ist äußerst simpel und unaufgeregt gehalten. Die Stärken von Pinboard liegen ganz klar in seiner pragmatischen Funktionalität. Offenbar wird der Service insbesondere von Entwicklern gern genutzt, denn trotz seiner offenbar noch recht überschaubaren Userzahl sind entsprechende Schnittstellen schon heute in zahlreichen Apps, für welches Betriebssystem auch immer, vorgesehen. Neben dem Webinterface stehen Pinboard-Plugins für alle verbreiteten Browser und eine ganze Reihe von Bookmarklets zur Verfügung, die das Arbeiten mit Pinboard leichter machen. Fever-Nutzer beschicken Pinboard aus dem Web-Interface per einfachem Shortkey, wenn sie den simplen Link https://pinboard.in/add?later=yes&noui=yes&jump=close&url=%u+&title=%t in ihrer Sharing-Liste eingetragen haben.

Allerdings ertappe ich mich in letzter Zeit immer öfter dabei, die Mac-OS-App ReadKit zu verwenden, unter der nicht nur Fever und Pinboard, sondern auch einige weitere Dienste äußerst stimmig zusammenspielen. ReadKit stellt dem Nutzer durch Integration des Readability-Parsers eine sehr gut lesbare Darstellung fast aller Texte zur Verfügung – gleich, ob sie von Fever, Pinboard, anderen Bookmarkingservices oder direkt in ReadKit abonnierten RSS-Feeds an die App geliefert werden. Das visuelle Scannen der Informationen, das Zwischenspeichern und das Lesen gehen mit dem Programm sehr zügig und effizient von der Hand. Während sich ReadKit kurz nach seinem Erscheinen gerade einmal als interessante Neuheit darstellte, ist inzwischen durch konsequente Weiterentwicklung ein vielseitiges und flexibles Tool entstanden, das jedem viellesenden Macnutzer zum Testen ans Herz gelegt sei.

Wer die Arbeit im Browser vorzieht, dem bieten sich ebenfalls einige Möglichkeiten der Optimierung seines Workflows wie auch der Optik des Pinboard-Webinterfaces. Für letzteres stehen einige modifizierte Stylesheets zur Verfügung. Ich selbst habe mir einstweilen mit einigen, wenigen Eingriffen ins CSS beholfen, um die Seite nach meinem Empfinden etwas gefälliger und übersichtlicher zu gestalten. Empfehlenswert ist ebenfalls ein Bookmarklet von Brett Terpstra, das jedem Eintrag in Pinboard einen Link hinzufügt, mit dem sich die entsprechende Webseite in der übersichtlichen Darstellung des Instapaper Readers aufrufen lässt.

Da jedoch auch die Artikelansicht fürs distraction free reading, die Instapaper zur Verfügung stellt, nicht ganz problemfrei ist, empfiehlt sich auch hier eine Optimierung per CSS-Hack. Dieser verschiebt die Buttons auf die linke Seite, um mehr freie Bildschirmhöhe zu bieten, verkleinert die standardmäßig grotesk großen Überschriften und gestaltet insgesamt die Typografie etwas übersichtlicher. Wie das zuvor verlinkte Stylesheet für Pinboard greift auch dieses auf eine lokal installierte Version der auf dem Monitor gut lesbaren Schriftart Tisa Pro zurück, um ein ständiges Nach-Hause-Telefonieren zu den Servern von Adobe zu vermeiden.

Wer vor derlei Basteleien zurückschreckt, Pinboard aber dennoch zum zeitversetzten Lesen von Artikeln und News im Browser verwenden will, für den bietet sich seit einigen Tagen auch der Webservice Paperback an. Stört man sich nicht an einer Jahresgebühr von 15 US-Dollar, dann wird einem hier ein modernes Leseambiente – frisch aus der Weißraumhölle – geboten, das seine Inspiration ganz klar aus dem bezieht, was Instapaper und Instapaper Beyond einst geboten haben. Natürlich sind aber derartige Abomodelle nicht jedermanns Sache.

Bedient man sich eines iPhones oder iPads, dann werden im iTunes App Store mittlerweile eine erkleckliche Anzahl von Apps geboten, die nicht nur die Verwaltung von Lesezeichen, sondern auch das mehr oder weniger komfortable Lesen zu einem späteren Zeitpunkt unterstützen. Mit diesen wird sich voraussichtlich der nächste Artikel an dieser Stelle in wenigen Tagen beschäftigen.
​​

Headerbild unter Verwendung der Abbildung Канцелярская кнопка von Kalan, Lizenz CC BY-SA