Männig

Esoterik-Disneyland

Isn’t it enough to see that a garden is beautiful without having to believe that there are fairies at the bottom of it too? – Douglas Adams

Das kleine Waldgebiet mit dem Namen Etzelsee befindet sich oberhalb des Dorfes Wachbach, das heute zum Städtchen Bad Mergentheim gehört. Es liegt auf einer flachen Kuppe, auf der, trotz des Namens, vermutlich nie ein See existiert hat. Was der Besucher dort heute vorfindet, sind ein Trimm-dich-Pfad, ein großer Kinderspielplatz und auffällige Schilder, die auf ein mysteriöses Kraftfeld hinweisen. Folgt man diesen Wegweisern, so wird man nach kurzer Zeit auf einem weiteren Schild ermahnt, doch bitte die Ruhezone zur Entspannung und Meditation zu respektieren. Man betritt ein lichtes, kreisrund angelegtes Waldstück, in dem das Unterholz entfernt wurde und dessen Rand mit Findlingen markiert ist. Eine in der Mitte aufgestellte Hinweistafel verkündet:

Im Wachbacher Gemeindewald / Abt. Etzelsee findet sich ein auffallendes Kraftfeld, das wohl in vorgeschichtlicher Zeit als Kultplatz genutzt wurde. Der unübersehbare, außergewöhnliche Drehwuchs bei zahlreichen – gekennzeichneten – Elsbeeren weist auf den Einfluss der Kraftströme hin. Zahlreiche Feldsteine markieren die Umgrenzung des kreisförmigen Kraftfeldes, das wegen seiner Seltenheit und besonderen Auswirkung auf das Baumwachstum besondere Aufmerksamkeit verdient.

In der Tat: Im freigeschnittenen Rund erkennt man einige Elsbeerbäume, die einen auffälligen Drehwuchs aufweisen und die für weniger aufmerksame Besucher dankenswerterweise mit blauer Farbe markiert wurden. Als Ursache hierfür gleich geheimnisvolle Kraftfelder zu vermuten, würde erfahrenen Forstwirten oder Tischlern jedoch kaum einfallen. Die Elsbeere (Sorbus torminalis) hat es im Jahr 2011 immerhin zum deutschen Baum des Jahres und damit zu einiger Popularität gebracht. Dennoch ist der Baum, der regional auch als Ruhrbirne, Wilder Sperber, Atlasbaum oder Schweizer Birnbaum bekannt ist, als Kulturbaum eher selten. Zwar ist das Holz hart, von schöner, rötlicher Farbe und es erzielt hohe Preise, jedoch neigt es, so sind sich viele Fachpublikationen einig, leider zum Drehwuchs, was seinen Wert dann auch wieder deutlich verringert.

 

Der Drehwuchs, also die Abweichung des Verlaufs der Holzfasern von der Parallelität zur Achse des Stamms, kann verschiedene Ursachen haben: Auf der einen Seite sind dies Umweltfaktoren, zu denen beispielsweise eine asymmetrische Kronenform und daraus folgende, ebensolche Stammbelastung zählen kann. Auch standortabhängige Windeinflüsse oder der Ausfall von Wurzeln oder ganzen Wurzelbereichen und die daraus resultierende Umleitung des Saftstroms im Stamm können den Drehwuchs eines Baums auslösen. Auf der anderen Seite liegen die Ursachen für die Drehwüchsigkeit schlicht in den Erbanlagen des Baums. Die Forschungen von Eric Teissier du Cros in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts haben gezeigt, dass beispielsweise bei Buchen (Fagus silvatica L.) das Drehwuchs-Gen zu 70 Prozent bei den Erben sichtbare Auswirkungen zeigt. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass aus den Samen drehwüchsiger Bäume weitere drehwüchsige Bäume entstehen – wobei die Erben stets die Drehrichtung ihrer Eltern übernehmen.

Die forstwirtschaftliche Fachliteratur empfiehlt daher, im Bereich von drehwüchsigen Baumpopulationen die Naturverjüngung, also die Vermehrung des Baumbestandes durch natürliche Aussaat, möglichst zu unterbinden. Denn spiralförmig gewachsene Stämme erzielen auf dem Holzmarkt nun mal nur einen Bruchteil des Ertrags von wirtschaftlich makellosen, geraden Exemplaren. Womit wir wieder im Wachbacher Gemeindewald am Etzelsee sind: Hier wurde erst um das Jahr 1800 mühevoll aufgeforstet, und irgendwann in den 1950ern fiel die kleine Population drehwüchsiger Elsbeerbäume – ausnahmslos rechtsdrehend – auf. Nachdem das Gebiet rundum ab 1972 mit Trimm-dich-Pfad und Großspielplatz erschlossen wurde, sah man 2006 auch Chancen im gerade aufblühenden Esoterik-Tourismus. Das Unterholz um die drehwüchsigen Elsbeeren wurde entfernt und – um dem Ort noch etwas mehr mystische Bedeutung zu geben – ein kreisrundes Areal mit Hinkelsteinen im Miniformat abgesteckt. Die oben bereits zitierte Informationstafel krönt schließlich das gesamte Ensemble.

Was allerdings darauf hindeuten könnte, dass dieser Ort wohl in vorgeschichtlicher Zeit als Kultplatz genutzt wurde, darüber schweigen die Aufsteller der Tafel dann doch lieber. Pragmatiker, die Naturwissenschaften als weit spannender empfinden als Märchen, hätten an dieser Stelle vermutlich lieber eine Informationstafel errichtet, auf der etwas von den wirklichen Ursachen der Drehwüchsigkeit von Bäumen zu erfahren wäre. Was am gesamten Genius loci allerdings am drolligsten erscheint, sind die vor einigen Jahren aus Fremdbeständen hier angepflanzten Jungbäume, ebenfalls von der Art Sorbus torminalis. In ein paar Jahren werden die Esoteriker enttäuscht feststellen müssen, dass sich bei diesen, trotz aller Kraft des Ortes, kein Drehwuchs einstellen will. Weil sie eben aus Samen entstanden sind, in denen die genetischen Anlagen für diese Besonderheit leider nicht vorhanden war. Ob man dann wohl die wundersamen Kraftströme für versiegt erklären wird?