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On the Internet, nobody knows you’re a dog

, Lesezeit etwa 4 Minuten.

On the internet, nobody knows you’re dog, lautete 1993 die Unterzeile eines Cartoons von Peter Steiner, der längst zur Legende geworden ist.
 

Bereits im Januar 1989 fand ich beim Aufräumen eines Bürolagers einen Akustikkoppler, der nicht mehr benötigt wurde. Ich nahm das Ding mit nachhause und schloss es an meinen PC an. Als ich es endlich zum Laufen gebracht hatte, tauchte ich ein in die wunderbare Welt der Mailboxen. Es folgten CompuServe mit seinen Gruppen, über lange Zeit das Usenet und schließlich, viele Jahre später, das Social Web in seinen unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen. In diesen Jahren intensiver Kommunikation im Netz habe ich eine These entwickelt, die sich für mich immer wieder bestätigt hat, wenn sie auch, soweit mir bekannt ist, nie wissenschaftlich belegt oder widerlegt wurde. Meine These lautet:

Die Quote von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Auffälligkeiten (»F-Diagnosen«) ist in den sozialen Netzen im Bereich des Internets auffällig höher als in der Gesamtbevölkerung.

Nein, ich will damit nicht Behauptungen aufstellen wie Im Internet sind doch nur Bekloppte oder gar Social Media macht blöd. Vielmehr bin ich überzeugt, dass sich die netzbasierte Kommunikation nun einmal hervorragend für Menschen mit psychischen Problemen – gleich welcher Art und Intensität – eignet. Sehr leicht lassen sich nämlich bi dieser Art zwischenmenschlicher Beziehungen bestimmte Facetten der eigenen Persönlichkeit, die man für problematisch hält, ausblenden, andere, als positiv empfundene, dagegen besonders hervorheben. Ein Mensch, der das Gefühl hat, im richtigen Leben nicht oder nicht mehr in dem Rahmen zu funktionieren, der ihm abverlangt wird oder den er sich selbst abverlangt, kann im Social Web durch intelligentes Rollenverhalten die Erfolgserlebnisse finden, die ihm im Alltag, außerhalb des Netzlebens, zumeist verwehrt bleiben.

Probleme tauchen dann aber häufig an den Schnittstellen zwischen Netzidentität und Real Life auf. Ein gewisser Prozentsatz der Betroffenen, der seinen Lebensmittelpunkt aus derartigen Gründen mehr oder weniger im Netz gefunden hat, hält daher seine unterschiedlichen Identitäten möglichst getrennt und vermeidet persönliche Treffen mit Netzfreunden generell. Eine weitere Gruppe lässt Kontakte im richtigen Leben zwar zu oder sucht sie sogar explizit, hinterlässt dann aber nach Treffen oft den schalen Eindruck, dass bei diesem Menschen irgendetwas nicht stimmt. Kein Wunder, ist doch die sorgsam konstruierte Netzidentität meist nicht oder nur bruchstückhaft mit der erlebten Off-Net-Identität deckungsgleich. Immer wieder trifft man so bei persönlichen Treffen mit Netzbekannten auf Verhaltensweisen, die man für merkwürdig oder unerklärlich hält, obwohl man doch glaubte, die jeweilige Person von Twitter, Facebook oder einem anderen sozialen Netzwerk schon gut zu kennen.

Meine laienhaften Studien in diesem Bereich blieben allerdings oberflächlich, bis ich eines Tages überraschend in der Lage war, tieferen Einblick zu gewinnen. Vor einiger Zeit hatte ich nämlich eine mittlerweile glücklicherweise längst wieder überstandene Anpassungsstörung entwickelt, ein weit verbreitetes aber dennoch recht unbekanntes psychisches Krankheitsbild, das mit Depressionen einhergeht. Damals funktionierte ich also plötzlich auch selbst nicht mehr wie gewohnt, wie als selbstverständlich vorausgesetzt und fand mich in der Rolle der zuvor Beobachteten wieder. Ich hielt es für ein Gebot der Fairness, die Menschen in meinem Umfeld trotz der immer noch bestehenden Vorbehalte und Tabus gegenüber psychischen Krankheiten über meine Erkrankung in Kenntnis zu setzen. Während meine 3-D-Freunde, Kollegen und Verwandte fast ausnahmslos sehr verständnisvoll reagierten, reagierte ein erheblicher Anteil meiner Netzbekannten mit einem herzlichen Ach, du jetzt auch? oder Willkommen im Club!. Ein Zufall?

Die These, dass man im Netz mit weit höherer Wahrscheinlichkeit auf Menschen mit psychischen Befindlichkeiten trifft, hat sich für mich bis heute, Jahre später, immer wieder bestätigt. Bezieht man auf dieser Grundlage die Möglichkeit, dass bei Netzbekanntschaften nicht immer alle Verhaltensweisen normal erklärbar sind, von vorn herein ein, dann kann man sich mit hoher Wahrscheinlichkeit die eine oder andere subjektive Enttäuschung ersparen. Die eigene Offenheit und einfühlsame Nachfragen werden dagegen fast immer genauso offen und ehrlich beantwortet. Insbesondere im Bereich des Internet- und Social-Media-Marketings wären meines Erachtens viele Unternehmen gut beraten, wenn sie sich dieses bedeutenden und zahlreiche Plattformen maßgeblich mit prägenden Themenkreises intensiver annehmen würden.

Anmerkung 1
Freilich kann einer einzelnen Person aufgrund ihres persönlichen Umfelds kein statistischer Nachweis  dieser These gelingen. Zur Dimension der Versuchsgruppe sei nur erwähnt, dass ich beispielsweise gute 29 % meiner Twitter-Friends auch persönlich kenne. Daneben kenne ich eine ganze Reihe Twitterer persönlich, denen ich nicht mehr folgen mochte, nachdem ich sie persönlich besser kennen gelernt habe.

Anmerkung 2
Einen interessanten Artikel zum Thema der Brüche zwischen virtueller und realer Identität hat Christian Buder bereits vor gut drei Jahren in der Zeit veröffentlicht. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Umfeld von Partnerschafts-Plattformen im Netz. Buders Erkenntnisse sind jedoch auch auf andere Social-Media-Bereiche gut übertragbar.

Anmerkung 3
Dieses Thema beschäftigt mich bereits lange Zeit, und sicherlich habe ich es bereits mit einigen, die nun hier davon lesen, mehr oder weniger ausführlich darüber diskutiert. Aktueller Anlass dieser Zeilen war jedoch heute ein Blogpost von @pictura.
 



16 Kommentare zu On the Internet, nobody knows you’re a dog

  1. Ich kann diese Beobachtungen aus meinem Umfeld voll bestätigen. Vielleicht kann ich meine Gedanken dazu bei der morgigen Wurst entpacken, dafür ist mir das Kommentarfeld zu beschränkt.

  2. Gabriela sagt:

    Interessante Ausführungen. Deine Gedanken leuchten mir sehr ein. Ich hoffe, dass die Differenziertheit in Deinen Aussagen entsprechend wahrgenommen wird.

    Der Vollständigkeit halber möchte ich hier erwähnen, dass ich auch das Umgekehrte schon erlebt habe. Sehr schräge und seltsame Erscheinung auf Twitter entpuppte sich als ausgesprochen freundlicher und angenehmer Zeitgenosse.

  3. Karla sagt:

    Ich kann das auch nur bestätigen. Zu größtem Teil trenne ich Privatleben und Netz komplett, allerdings beginnt das auch aufzuweichen. Ich kann aber besser damit leben, wenn es getrennt ist. Es ist nicht so, dass ich nicht nette Menschen durch Twitter, FB und Co kennengelernt habe, aber es wird mir sonst einfach zuviel. Auf Twitter habe ich über 2.800 Follower, bei FB über 1.500 Freunde – wie soll das sonst enden?
    Aber natürlich suchen und finden sich hier auch Menschen mit ähnlichen Interessen, man kann sich die Pflege solcher Web-Freundschaften als “echte Freundschaften” aber oft zeitlich gar nicht leisten und sie beschränkten sich auch oft eben nur auf gewisse Eigenschaften, da muss ich nicht gleich mit dem ganzen Menschen dicke befreundet sein.
    Finde das aber auch ganz in Ordnung so. Irre gibt es überall…. (glücklicherweise, die meisten sind mir nämlich lieber als angeblich “Normale”)… :-)

  4. knut sagt:

    Eigentlich verfüge ich nicht über die notwendige Kompetenz hier mitreden zu können, da ich erst seit kurzem sog. Social-Media-Bereiche intensiver nutze. In meinem Umfeld sind Themen wie “Netzidentität” eher Fremdworte. Dennoch meine ich ähnliche “community” Beobachtungen gemacht zu haben.
    Es gibt wohl Menschen, die in eine besondere Richtung “ticken”:
    In so etwas wie “Kontakt”, “Gruppe”, “Organisation” und “System”.
    Dabei spielt “Vertrauen” eine wichtige Rolle.
    Und dieses stellt sich im allgemeinen dann schneller ein, wenn alle Faktoren der 3-D Wahrnehmung beteiligt sind.
    Wenn ich plötzlich feststelle, dass sich jenseits meiner bisherigen Wahrnehmungsmöglichkeiten eine Vielzahl -von vielleicht ungenutzten- “Begegnungen” (=Freunden) ergeben (könnten) mach das neugierig, weil ich doch eigentlich herausfinden möchte, ob es “da draußen” noch andere Menschen gibt, die ähnlich “ticken” /empfinden wie ich.
    Die Beurteilung der Authentizität innerhalb der “Netztidentität” gestaltet sich dann aber äußerst komplex und damit überfordernd.
    Denn ob mir jemand etwas sagt, oder per Twitter (vielleicht sogar anonym!) eine Mitteilung sendet, macht in meiner Wahrnehmung soviel nicht mehr aus.

    In meinem RL habe ich jedenfalls den Eindruck, dass gerade die Menschen, die auf Begegnung und Kommunikation wert legen (und das vielleicht sogar zu ihrem Beruf gemacht haben!) “anfälliger” für “psychische Befindlichkeiten” sind, wie du es formulierst. Der Anteil an psychischen Erkrankungen in “sozialen” Berufen ist m.W. auch deutlich höher als der des deutschen “Durchschnittsbürgers”.

    Es wäre vielleicht zu fragen, ob die “Social-Media-Netz-Gemeinde” nicht nach Schnittmengen suchen sollte, die sich gewissermaßen “quer” zu ihrer von ihr selbst konstatierten “Religionslosigkeit” entwickeln könnte. NIcht dass damit der gordische Knoten gelöst wäre. Aber dass vielleicht Mauern in den Köpfen fallen könnten.

  5. Kitty sagt:

    Ich finde deine These grundsätzlich nachvollziehbar und auch ausweitbar z.B. auf Menschen mit körperlichen Erkrankungen, die ihnen die Teilnahme am RL erschweren. Egal mit welchem Handicap man kämpft, für viele ist es eine Befreiung, im Netz erst einmal als Person, nicht als Person mit der Krankheit XY wahrgenommen zu werden. Das gilt natürlich insbesondere für Behinderungen. Und bei psychischen Störungen ist oft die Kraft, soziale Kontakte zu pflegen, begrenzt – da mag das Netz eine angenehme Alternative sein, ohne Verpflichtungen.
    Ich will aber zumindest den Gedanken hinzufügen, dass dein Eindruck, in deinem Netzumfeld befänden sich mehr Menschen mit psychischen Störungen, auch davon beeinflusst sein könnte, dass man im Netz offener ist, dass man Gefühle und das, was einen bewegt, oftmals leichter und schneller mitteilt als im RL. Das ist vielleicht übertrieben gesagt mit der Dunkelheit des Beichtstuhls vergleichbar. Es mag aber sein, dass deine Netzfreunde dir gegenüber offener und ehrlicher gewesen sind als z.B. deine Kollegen. Da gibt es doch noch eine Menge Tabus. Die meisten gehen damit nicht so offen um wie du.

  6. pia sagt:

    Das ist hochinteressant und deckt sich weitestgehend mit meinen eigenen Beobachtungen.
    Ich glaube aber, man kann noch ein Stück weiter differenzieren, wenn man die Auswirkung von psychischen Erkrankungen betrachtet: die Isolation.
    Und dann öffnet sich deine These wieder hin zu Menschen mit körperlichen Handicaps, oder einer Lebenssituation, die ihnen nur wenige reale Sozialkontakte ermöglicht, weil sie, vielleicht nur vorrübergehend, in einem inkompatiblen Umfeld leben.
    All diese Menschen haben durch das Netz die Chance, diese Isolation zu kompensieren.
    UNd dann ist es ein kleiner Schritt hin zu Menschen mit ausgefallenen Freizeitbeschäftigungen und Menschen mit ausgefallenen Haustieren, Menschen überhaupt mit Haustieren und am Ende? Menschen.

    Und da kommt mein letzter Einwand: Ich persönlich glaube, ich kann online nicht anders sein als offline. Mein twitteraccount spricht dieselbe Sprache wie ich. Mein Blog ebenso. Umgekehrt bedeutet das jedoch, dass ich im realen Leben selbstredend nicht halb so pointert daherrede (hoffe ich).
    Ins Netz sind für mich lediglich die Wege kürzer, und leichter gangbar, weil mir aus diversen Gründen die Hürde zu hoch ist, solange in Kneipen herumzuhängen, bis ich den einen inspirierenden Gesprächspartner gefunden habe.

    Ja, das Netz mag eine höhere Dichte an (offene darüber sprechenden!) psychisch erkrankten Menschen haben – aber in diesen Fällen betrachte ich das Netz als Rehamaßnahme. Aus guten Gründen.

  7. Christina sagt:

    Lieber Jens,
    mal wieder ein sehr lesenswerter und interessanter Beitrag!

    Virtuelle und reale Identität scheinen bei vielen Leuten nicht mehr zusammenzupassen. Ich denke, dass der Faktor Zeit dabei auch eine wichtige Rolle spielt.

    Wer viel Zeit im Netz verbringt, dem fehlt sie im echten Leben. Aber nur im echten Leben kann man auch die echte Persönlichkeit entwickeln.

    Wir Menschen lieben es zu spielen und im Netz kann man ganz wunderbar spielen.

    Im Netz fehlt aber der Raum zum “Echtsein”.

    Das Netz ist eine große Bühne, auf der Menschen in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen können. Und ich denke, dass auch das psychische Störungen noch einmal begünstigen kann.

  8. Yewa sagt:

    Nur kurz von mir:
    Mir fällt es im Netz leichter, zu meiner Krankheit zu stehen. Im RL sind die Konsequenzen des öfteren schmerzhafter.

  9. Ich denke nicht, daß es im Netz mehr Menschen mit psychischen Krankheiten gibt, sondern daß man sie einfacher findet. Kleiner Unterschied :-) Das Netz macht das Outing leichter, und je nach Medium kann man Leute, die einen dann anfeinden, einfach(er) ausblenden als RL, man muß sie nicht ertragen. RL hat man nicht immer so die Wahl.

    Gruß, Frosch

  10. orangeguru sagt:

    Public Service Announcement: Kneipenbesucher werden anteilsmäßig mehr von Alkoholikern besucht als Saftläden!

    Ich finde Deine These nicht als These, sondern als Realitätsplitter.

    Das “Netz” bietet Menschen mit anderweitigen Sozialmustern, Neurosen, Manien oder was auch immer oft genau die richtigen Anknüpfungspunkte, um diese auszuleben, aber auch zu behandeln. Aber auch das Gegenteil: ein adrenalinsüchtiger Sportjunkie wird chatten eher öde finden bzw. dort seinen Fix nicht finden.

    Warum so oft Unterschiede zwischen den Avataren und realen Personen vorzufinden sind – sind mir ebenso klar.

    Erstens sind unsere sozialen Auftritte meistens Konstrukte passend zu ihrer Umgebung und Anforderung. Masken bitte!

    Zweitens machen sich die wenigstens die Mühe oder besitzen das Können sich selbst einigermaßen umfassend und “real” darzustellen. Mal ganz abgesehen von der Frage wieso sie das tun sollten.

    Drittens sind unsere Netzidentitäten meist strikt bestimmt von der Software. Single-Communities erwarten mehr Daten für das User-Profil als zum Beispiel Twitter. Sprich, das Social Engineering der Software hat auch eine Menge damit zu tun, welche Personenaspekte “eingesaugt” und angezeigt werden. Insbesondere Facebook zeigt exzellent wie wie durch Software-Mechanismen und sozialen Druck in Spielchen, Umfragen und Initiativen der User Schritt für Schritt sich selbst “herausgibt” und durch seine Aktionen sich selbst darstellt.

  11. vergraemer sagt:

    Menschen sind eben gestört. Ob diagnostiziert oder nicht.

  12. vergraemer sagt:

    Was? Psychisch Gestörte auf Twitter? Ich kenne keinen. Und wenn ich einen treffe, bekommt er aufs Maul.

  13. Birgit sagt:

    Du schreibst:
    “… , dass bei diesem Menschen irgendetwas nicht stimmt.”

    Na ja, und gerade bei diesen täglichen, realen Begegnungen (vor der Kontaktaufnahme via Social Media)- man kennt sie leider zu genüge – kann mitunter die Umgangsform und das Miteinander (der sicherlich bei manch einem aus Reputationsgründen nur Verwendung findet) wahrhaft positiven Einfluss nehmen.

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