Männig

Briefe schreiben in Markdown

Briefe. Erinnert sich noch jemand? Das waren die persönlichen oder geschäftlichen Nachrichten, die man auf Papier genannten, optische Datenträgern in ebenfalls aus Zell- oder Holzstoffen gefertigten Hüllen versandte. Und man glaubt es kaum: Auch heute noch ist es scheinbar so dann und wann unvermeidlich, sich dieses anachronistischen Mediums zur Weitergabe von Informationen zu bedienen. Dies ist dann auch meist der einzige Grund innerhalb eines längeren Zeitraums, sich an ein Hilfsmittel namens Word oder Pages zu erinnern, mit dem man bekanntermaßen einen Brief halbwegs vernünftig aufs Papier zu bringen vermag.

Aber halt, sollte nicht selbst eine derart exotische Aufgabe mit dem Allzweckmittel Markdown zu lösen sein, das im dritten Jahrtausend unter Pragmatikern für ballastfreies Handling von Texten sorgt? In der Tat: Selbst mit überschaubaren Kenntnissen in CSS und mit einem weiteren Softwaretool, das sich vermutlich ohnehin auf der Festplatte jedes Markdownfreunds befindet, ist es relativ einfach machbar, einen eng an die Standards der DIN 5008 angelehnten Brief vorzubereiten und auszudrucken. Und ist das entsprechende Stylesheet erst einmal eingerichtet, dann gehen Briefe mit dem Lieblings-Texteditor äußerst flink von der Hand.

Beim gerade erwähnten, unverzichtbaren Softwaretool handelt es sich natürlich um Brett Terpstras Markdownvorschau- und -exportprogramm Marked, das vor wenigen Tagen in zweiter, erheblich verbesserter Auflage erschienen ist. Die mehrfach upgedatete Urversion der App ist nach wie vor für 3,59 Euro im Mac App Store zu haben. Wer sich jedoch von den Einschränkungen durch Apples Sandboxing befreien und die zahlreichenn neue Funktionen nutzen möchte, dem wird es um die 9,99 Euro, die für Marked 2 zu berappen sind, sicherlich nicht schade sein. Eine gute Gelegenheit, um sich bei einem Entwickler zu bedanken, der zahlreiche nützliche Scripts und Apps kostenlos zur Verfügung stellt, ist der Kauf von Marked 2 obendrein.

Doch zurück zum Schreiben von Briefen mit Markdown. Da Marked seit jeher als editor agnostic firmiert, ist es freilich egal, mit welchem Texteditor man selbst seine Texte tippen mag. Meine erste Wahl ist schon seit einiger Zeit FoldingText, doch jeder andere Editor, der idealerweise das code highlighting für Markdown beherrscht, funktioniert natürlich ebenso. Damit fokussiert sich die Problematik des Briefeschreibens schnell darauf, das erforderliche Stylesheet so zu gestalten, dass Marked auf dessen Basis die bestmögliche PDF-Daten zur Übergabe an einen beliebigen Drucker generieren kann.


Kurzanleitung für Profis:
Die CSS-Datei herunterladen, gegebenenfalls anpassen, an einer sicheren Stelle der Festplatte speichern und unter Preferences – Style – Custom CSS in Marked einfügen. Muster-Briefkopf herunterladen, mit den eigenen Daten versehen und als Textbaustein ablegen. Fertig geschriebene Briefe in Marked öffnen und einfach ausdrucken oder als PDF-Datei speichern.


Freilich sind die Ansprüche an einen Brief zunächst einmal ganz andere als an eine HTML-Datei, zu deren Erstellung Markdown ja eigentlich entwickelt wurde. Da aber typische Strukturelemente wie die Überschriftformate <h1> bis <h6>, in Markdown also # bis ######, in Briefen nur selten benötigt werden, liegt es nahe, diese für die üblichen und erforderlichen Brieftextelemente zu missbrauchen. Dazu gehören beispielsweise der Briefkopf mit ein bis zwei verschiedenen Schriftgrößen oder -typen, die Absenderzeile im Adressfenster, die Betreffzeile, auf Mittelachse oder rechtsbündig gesetzter Text und natürlich auch der ganz gewöhnliche, linksbündige Flattersatz.

Obwohl der Gedanke nahe liegt, einen Briefkopf einfach als Grafik in ein Dokument einzufügen, sprechen dennoch mehrere Punkte gegen dieses Vorgehen. Zum einen lässt die Qualität ordentlich gerenderter Fonts mit einer auch noch so guten Grafik nur schwer erreichen. Erstellt man mit dem neuen Markdown-Workflow nicht nur gedruckte Briefe, sondern auch PDF-Dateien, die beispielsweise per E-Mail verschickt werden, dann werden diese Dateien mit eingebetteten Grafiken erheblich größer als mit reinen Texten als Inhalt. Überdies sind sie natürlich beim Empfänger nur noch eingeschränkt durchsuchbar, da der Informationsgehalt grafischer Briefköpfe den Algorithmen von Spotlight & Co. natürlich verborgen bleibt.

Die kompakte CSS-Datei für Marked 2 sieht daher nach einigen Formatierungsexperimenten so aus:

body {
    margin:0;
}

Seitenränder gemäß DIN 5008, diese setzen die Margin-Einstellungen 0-0-0-0 unter Preferences – Printing in Marked 2 voraus:

#wrapper {
    margin-top: 0.6cm;
    margin-bottom: 2cm;
    margin-left: 2.4cm !important;
    margin-right: 2.5cm
}

Als Standardfont wird hier eine Officina Sans Book in 10 Punkt verwendet:

body {
    font-family: "OfficinaSanITCBoo";
    font-size: 10pt
}

Für Überschriften h1 und h2 kommt ein fetter Schriftschnitt zum Einsatz:

h1 {
    font-family: "OfficinaSanITCBol";
    font-size: 10pt;
    font-weight: normal;
    margin-bottom: 10pt;
}

h2 {
    font-family: "OfficinaSanITCBol";
    font-size: 10pt;
    font-weight: normal;
    margin-bottom: 10pt
}

h3 bzw. ### wird verwendet, um Textblöcke bedarfsweise zentriert zu setzen:

h3 {
    text-align: center;
    font-size: 10pt;
    font-weight: normal
}

h4 bzw. #### wird verwendet, um Textblöcke bedarfsweise rechtsbündig zu setzen:

h4 {
    text-align: right;
    font-size: 10pt;
    font-weight: normal
}

h5 (#####) und h6 (######) werden eingesetzt, um den Briefkopf in zwei verschiednen Schriftgrößen in einer Rotis Sans Serif zu gestalten:

h5 {
    font-family: "RotisSansSerif";
    font-size: 18pt;
    font-weight: normal;
    margin-top: 0;
    margin-bottom: 12pt
}

h6 {
    font-family: "RotisSansSerif";
    font-size: 8pt;
    font-weight: normal;
    margin-top: 4pt;
    margin-bottom: 0
}

Fetter Text wird im Bold-Schriftschnitt …

strong {
    font-family: "OfficinaSanITCBol"
}

… kursiver in Italic umgesetzt:

em {
    font-family: "OfficinaSanITCBooIta"
}

Listen werden um 20 Punkt eingerückt:

ul, ol {
    padding-left: 20pt
}

Zitate werden um 20 Punkt eingerückt und kursiv gesetzt:

blockquote {
    margin-left: 20pt;
    font-family: "OfficinaSanITCBooIta"
}

Um die Features dieses Stylesheets optimal zu nutzen, wird ein in Markdown geschriebener Brief beispielsweise so erstellt:

##### Adrian Muck-Bruggenau
###### Talbrugger Straße 28 | 75622 Scholberach
###### Telefon 07828 472890 | mobil 0167 3428876 | E-Mail amuckb@t-online.de
<br/><br/>
###### Muck-Bruggenau | Talbrugger Straße 28 | 75622 Scholberach  
<br/>
Rezeptor GmbH
Herrn Lothar Leser
Heilmannstraße 30  
82049 Pullach
<br/>
<br/>
1. Oktober 2013
<br/>
**Verzicht auf übliche Inhalte**
<br/>
Sehr geehrter Herr Leser,

Sie lesen Verse, die nichts weniger vorhaben, als auf die Sprache zu verzichten. Dada Johann Fuchsgang Goethe. Dada Stendhal. Dada Buddha, Dalai Lama, Dada m'dada, Dada m'dada, Dada mhm' dada. Auf die Verbindung kommt es an, und dass sie vorher ein bisschen unterbrochen wird. Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. Alle Worte haben andere erfunden. Ich will meinen eigenen Unfug, und Vokale und Konsonanten dazu, die ihm entsprechen. Wenn eine Schwingung sieben Ellen lang ist, will ich füglich Worte dazu, die sieben Ellen lang sind. Die Worte des Herrn Schulze haben nur zweieinhalb Zentimeter.

Da kann man nun so recht sehen, wie die artikulierte Sprache entsteht. Ich lasse die Laute ganz einfach fallen. Worte tauchen auf, Schultern von Worten; Beine, Arme, Hände von Worten. Ay, oi, u. Man soll nicht zuviel Worte aufkommen lassen. Ein Vers ist die Gelegenheit, möglichst ohne Worte und ohne die Sprache auszukommen. Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt wie von Maklerhänden, die die Münzen abgegriffen haben. Das Wort will ich haben, wo es aufhört und wo es anfängt.

Jede Sache hat ihr Wort; da ist das Wort selber zur Sache geworden. Warum kann der Baum nicht Pluplusch heissen, und Pluplubasch, wenn es geregnet hat? Und warum muss er überhaupt etwas heissen? Müssen wir denn überall unseren Mund dran hängen? Das Wort, das Wort, das Weh gerade an diesem Ort, das Wort, meine Herren, ist eine öffentliche Angelegenheit ersten Ranges.

Mit freundlichen Grüßen
<br/><br/>
Adrian Muck-Bruggenau

**Anlage**

Man sieht: Ganz ohne HTML kommt man leider nicht aus, da Markdown mehrere, aufeinanderfolgende Leerzeilen systembedingt leider ignoriert. Hier müssen also fallweise <br/>-Tags eingesetzt werden. Mit dieser kleinen Einschränkung ist das Briefeschreiben mit dieser Technik aber wieder genau so schön einfach, wie es Anno Tobak mit der Schreibmaschine war. Es empfiehlt sich natürlich, den immer wieder benötigten Briefkopf als Textbaustein abzulegen. Wird die Absenderzeile für den Fensterumschlag nicht benötigt, so kann man sie einfach durch ######&nbsp; ersetzen, um die gestalterische Nähe zur Norm zu erhalten. Ebenso lässt sich natürlich eine Grafik mit einer Unterschrift nach der Grußformel integrieren, sofern man eine PDF-Datei generieren möchte. Per Knopfdruck generiert Marked aus der Textdatei einen schlichten und zweckmäßigen Brief:

Musterbrief klein
(Hier als PDF-Datei)

Selbstverständlich sind mehrseitige Briefe mit Seitenumbrüchen ebenso möglich. Marked unterstützt ja sowohl die optionale Verwendung des <hr>-Tags (*** oder --- in Markdown) als Seitenumbruch-Indikator als auch eine proprietäre Syntax mit <!--BREAK-->. Für mehrseitige Briefe sollte man sich natürlich ebenfalls einen Textbaustein abspeichern, der den Seitenumbruch und bei Bedarf einen reduzierten Briefkopf für die Folgeseiten beinhaltet.

Klar: Für Menschen, die sich bisher noch nicht mit Markdown beschäftigt haben, wird sich der Charme der hier beschriebenen Methode kaum erschließen. Wer aber ohnehin über flinke und nervensparende Markdown-Workflows verfügt, dem eröffnet sich die Möglichkeit, auch das Tippen anachronistischer Briefe ganz simpel und nebenbei in diesen Prozessen mitlaufen zu lassen. So lässt sich das Starten klassischer Textverarbeitungs-Monster wie Word oder Pages einsparen – und gleichzeitig darf man sich darüber freuen, seine Briefkorrespondenz im äußerst kompakten und zukunftssicheren Textformat archivieren zu können.

Über Erfahrungsberichte, Tipps und Verbesserungsvorschläge freue ich mich natürlich jederzeit!